Ein tropischer Traum

Übersetzung des Zeitungsartikels aus: O Liberal (Belém do Pára) von Suely Nascimento (von Claudia Gollor-Knüdler und Karl Sommer)

Janosch, Sandra, Markus und David sind deutsche Jugendliche, die das erste Mal Brasilien bereisten. Sie spürten die starke Sonne, waren begeistert von der Landschaft Amazoniens, lernten die Realität der Caboclos und Indios kennen, die Bezirke Ponta de Pedras, Paranapebas und Santarém. Sie erfuhren, wie es ist, mit dem Boot durch die Landschaft zu tuckern, auf einem Lastwagen über holprige Straßen zu fahren und mit einem kleinen Flugzeug zu fliegen. Einige schliefen zum ersten Mal in einer Hängematte. Sie fuhren auch nach Sao Paulo und Rio de Janeiro. Alle denken schon über die nächste Reise nach. Doch zunächst an die Rückreise.

Um nicht ohne vorherige Informationen in Brasilien anzukommen, sorgte der Geografielehrer Helmut Aulenbach, 48 J., von der Jörg-Ratgeb-Schule, an der Sandra, Markus und David unterrichtet werden, dafür, das sie schon eine Idee von dem Land hatten, das sie filmen wollten. Sie sahen sich den Film „Central do Brasil"an, hörten Musik der bahianischen Gruppe Olodum und lernten Bücher des Schriftstellers Jorge Amado kennen. "Ich ließ sie meine Bewunderung für die Menschen dort spüren, für die Kultur, die Art zu tanzen und die Freude und Ausdruckskraft des Volkes", hob er hervor. Helmut versuchte ihnen ein Gefühl für Brasilien zu vermitteln, das er hatte, seit er in den 70er Jahren ein Jahr dort gelebt hatte. „Unsere Reise ist wie ein tropischer Traum", sagte er. Seine Familie und Freunde sagten immer, er sei „verrückt nach Brasilien", als er seiner 7jährigen Tochter den Namen Regina gab, im Gedenken an die Sängerin Elis Regina. Diese Verbindung mit dem Land begann, als sein Großvater Wendelin im Jahre 1922 auf einer Farm in Sao Paulo arbeitete. Als er zurück nach Deutschland kam „sprach er nur über Brasilien".

Mit Finanzierung ihrer Arbeit durch Mercedes Benz, Kodak, eine deutsche Stiftung und das Kultusministerium, reisten die vier Schüler und der Lehrer viele Stunden von Stuttgart fort, der Stadt, in der sie in Süddeutschland leben, bis Belém in Pará. Sie wollten ein Video produzieren, um in der Jörg-Ratgeb-Schule Bilder zu präsentieren über Projekte, die mit Spenden aus Deutschland finanziert wurden und über den Bau eines Trinkwassersystems in Surucuá in Santarém, den die Schüler dieser Institution durch die Sammlung von Geld möglich machten. Außerdem wurde auch in Indianerreservaten gefilmt. Es besteht die Möglichkeit, die Dokumentation auch Schülern von anderen Schulen zu zeigen und sie soll im deutschen Fernsehen übertragen werden.

Sandra, Janosch, Markus und David hatten die Verantwortung, das zu produzieren, was monatelang vorher in Zusammenarbeit mit Lehrer Helmut geplant worden war. Mit dem Skript in der Hand, zwei Filmkameras - eine Sony und eine SVHS, 30 Videokassetten Beta Professional, 4 Kassetten SVHS fürs „making off", Monitor, Gepäckträger, 8 Batterien, Computer, Adapter für 110 und 220 Volt, 2 Mikrofone, 3 Scheinwerfer, Stativ und Generator, außerdem Tornister und Rucksäcke, begannen sie die Arbeit am 22. Juli in Belém und beendeten sie am 12. August in Rio de Janeiro.

Die ersten Tage der Reise blieben sie in Belém, anschließend bestiegen sie die „Curupira", ein Schiff der Gegend, bekannt als „Fuß der Höhle", das dem Projekt „Pobreza e Meio Ambiente na Amazonia" (Poema) an der Universität von Pará gehört.

Das Ziel war Ponta de Pedras auf der Insel Marajó, wo Poema von Deutschland unterstützte Projekte koordiniert. Nach der vierstündigen Fahrt durch die Buchten von Guaraja und Marajó stiegen sie aus, um die ersten Filmaufnahmen zu machen. In der Stadt filmten sie zuerst Kinder beim Fußballspielen neben der Kirche Nossa Senhora de Conceição.

Danach setzte die Gruppe in Begleitung von Willi Hoss, einem ehemaligen Bundestagsabgeordneten, der bei den Interviews half, ihre Reise auf einem Lastwagen nach Praia Grande fort.

In dieser Gemeinde wird seit 1993 der Rohstoff produziert, aus dem Kopfstützen für Lkw von Mercedes Benz hergestellt werden. Der Einwohner Manoel Evangelista erklärte die Produktion, ausgehend von der hier angebauten Kokospalme. Nach der Ernte trennt man die Rinde von der Nuss, dann wird die Rinde in einem Wasserbad einen Monat lang eingeweicht, um die Fasern besser lösen zu können. Die folgenden Arbeitsschritte sind: Die Fasern säubern, in der Sonne trocknen und Stricke herstellen, die dann ins Zentrum für die Verarbeitung von Naturprodukten Amazoniens (Pronamazon) in der Stadt Ponta de Pedras gebracht werden. Pro Tag verarbeiten die 30 Beschäftigten dieser Initiative ca. 80 kg Fasern.

„Die Sonne ist heiß, sie sind müde, das Licht ist sehr hell und wir mussten Filter vor die Linsen der Kamera setzen. Auch die Luftfeuchtigkeit ist so hoch wie unter der Dusche", fügt Lehrer Helmut hinzu. Am folgenden Tag setzten sie die Arbeit bei Pronamazon fort, wo die Kopfstützen aus Latex und den Fasern aus Praia Grande gefertigt werden. Hier werden 4000 Kopfstützen mit einem Gewicht von 180 g pro Stück hergestellt. Die Reise nach São Paulo hatte den Zweck, die Aufnahmen abzuschließen und das Endprodukt beim Einbau zu zeigen. In Ponta de Pedras filmten Janosch, Sandra, Markus und David mit Helmut und Willi noch andere Projekte von Poema: Das System zur Aufbereitung von Trinkwasser und die Wasserversorgung, ebenfalls in der Gemeinde von Praia Grande. Laut Ingenieur Pedro Miranda von Emater-Pa, Koordinator der Projektintegration bei Poema, produziert das System mit zwei Wasserkästen von jeweils 10000 Liter Fassungsvermögen 120 l Wasser pro Tag für den Unterhalt von 25 Familien.

Das Hybridsystem Windkraft-Diesel der gleichen Gemeinde, das elektrische Energie über Windräder erzeugt, wurde ebenfalls gefilmt. Pedro erklärte, dass das System ca. 23 Familien versorgt - neben der Beleuchtung der Straßen. „Wenn Wind da ist, haben wir Energie für 24 Stunden," fügte er hinzu. Das System des Stockwerksanbaus wurde auch gefilmt. Um die Gemeinde zu versorgen, arbeiten die Familien auf Parzellen von 600 qm, wo sie Mango, Orangen, Cashew-Nüsse, Guaven, Bananen, Kokosnüsse, Jaca, Cupuaçu, Pupunha, Bacuri und Sapotilha anbauen. Außerdem wird unter anderem Reis, Mais, Süßkartoffeln und Maxixe angepflanzt.

Nach Ponta de Pedras kehrte die Gruppe nach Belém zurück, von wo es in das Reservat der Curupiúna und in die Dörfer Tekohow und Rabo de Mucura ging. Danach setzten sie die Reise nach Santarém fort, wo sie in Alter do Chão und Surucuá waren.

São Paulo mit der Fabrik von Mercedes Benz war die nächste Etappe. Dann gab es für Janosch, Sandra, Markus und David in Begleitung von Helmut in Rio de Janeiro ein paar Tage Erholung, bevor es wieder zurück nach Stuttgart ging, um mit der Fertigstellung des Videos zu beginnen.

„Das deutsche Team"

„Mit jedem Tag fühlten wir uns mehr und mehr als eine Mannschaft", sagte Helmut der Lehrer. Man lachte während der Arbeit, ärgerte sich, wiederholte die „takes" so oft wie notwendig und schleppte die Ausrüstung zusammen mit dem Lehrer." Janosch half Markus „den Weißabgleich zu machen", Sandra lernte die Texte auswendig, die aufzunehmen waren und David überprüfte, ob keine Geräusche die Tonaufnahmen störten. Vor jeder Aufnahme hörte man 1,2,3,4,5 und dann begann das „take".

„Jeder hat seine Stärke: Janosch, der als einziger nicht an der Jörg-Ratgeb-Schule ist , wurde von mir nach einer Veranstaltung über das Projekt eingeladen. Er ist ruhig, sehr intelligent, denkt lange nach ohne zu sprechen und wenn er etwas sagt, spricht er sehr fundiert. Sandra ist bestimmend, interessiert und stark. Markus ist Techniker und präzise. David produziert ständig viele Ideen", fügte Helmut hinzu. Diese deutschen Jugendlichen haben verschiedene Vorlieben und Lebensauffassungen und lernten gemeinsam etwas von einem Land kennen , das sie nur vom Hören kannten.

Janosch Haussmann strahlt Ruhe aus. Er ist ein junger Mann von 20 Jahren, der gerade in einem Hospital als Krankenpfleger arbeitet. Es ist ein ziviler Dienst, der ihn vom Militärdienst freistellt. Danach möchte er Medizin studieren. In seiner Freizeit spielt er Fußball und joggt. Nebenbei spielt er Saxophon. Über Brasilien hörte er, dass es ein großes Land ist, wo man Fußball spielt, die Musik wichtig ist und das Leben hart. Sohn eines Bildhauers, der mit Metall, Holz und Stein arbeitet und einer Pädagogin in leitender Funktion, sowie Bruder einer Sechzehnjährigen, hatte Janosch die Unterstützung seiner Familie für diese Reise. Jeden Abend zog er sich zurück und schrieb sein Tagebuch. „Ich schreibe für mich, um nichts zu vergessen und für meine Freunde", sagte er. Die Fotos, die er während der Arbeit machte, sind ebenfalls um nichts zu vergessen von der Landschaft und den Leuten, die er kennenlernte. Eine Sternenkarte im Gepäck suchte er am Himmel immer nach dem „Kreuz des Südens. Während seiner Reise gewann er den Eindruck, dass „die Menschen hier besser zu leben wissen als in Deutschland, wo sie nur an die Arbeit denken. Hier treffen sie sich mitten in der Woche und freuen sich darüber zusammen zu sein. Die Natur findet er phantastisch und Portugiesisch will er in Deutschland lernen.

Sandra Zieger, 18 Jahre, lernte vor der Reise 6 Monate Portugiesisch. Einmal pro Woche brachte ihr eine Krankenschwester einige Redewendungen und Wörter bei. „Ich verstehe mehr, als ich ausdrücken kann und habe schon beschlossen weiterzulernen", sagte sie. Sie spielt schon vier Jahre im Schultheater und würde gerne diesen Weg weiterverfolgen. „Aber es ist ein sehr schwerer Weg. Man muss in teuren Schulen studieren", meinte sie. Seit ihrem 9. Lebensjahr spielt Sandra Violine - so zum Vergnügen. Über ihre Berufswünsche hat sie noch nicht nachgedacht, sie weiß nur, dass sie vorhat, nach Brasilien zurückzukommen um dort mit den Armen zu arbeiten. Musik hören und Freunde treffen sind ihre Lieblingshobbies. „Für mich war Brasilien Rio de Janeiro und der tropische Regenwald. Jetzt habe ich andere Vorstellungen, möchte mehr über das Land wissen, wo die Menschen so nett sind." Immer mit der Kamera in der Hand registrierte sie die beeindruckendsten Augenblicke der Reise, für die sie Bermudas, Mittel gegen Insektenstiche und Medikamente gekauft hatte.

Sandra und Janosch schrieben die Texte für das Video und teilten sich die Arbeit der Reportage, der Interviews, des Schnitts und der Regie. Inmitten von Mikrofonen, Kabeln, Unterlagen, Stiften und Videokassetten notierten sie Aufnahmezeiten und Bildmotive im Hinblick auf die Fertigstellung. „Wir zwei teilten uns die Erzählung unserer Erlebnisse," sagt sie.

Markus Gall, der Kameramann, fing alles ein, was vor seiner Kamera erschien. „Es ist eine interessante Landschaft." Es gibt Igarapés. Ich wollte mit der Kamera die Schönheit der Landschaft festhalten, die Art der Brasilianer zu leben und was die Indios machen", erklärt er. Für ihn verband sich Brasilien mit Fußball, heißem Klima und dem Amazonas mit dem vielen Wasser. Als sein Vater von der Reise erfuhr, meinte er, es sei eine gute Gelegenheit, Lebenserfahrung zu sammeln. „Meine Mutter machte sich Sorgen wegen des Meeres, weil sie Angst vor dem Meer hat", fügt er hinzu.

Markus ist 18 Jahre alt. Sein Tagesablauf beginnt um 7 Uhr. Normalerweise hat er bis 13 Uhr Unterricht, zweimal pro Woche hat er nachmittags Schule. „Die Schule ist sehr anstrengend", sagt er. Markus hat keinen Computer zu Hause und er war erst einmal im Internet am Computer eines Freundes. Er kauft gern Sportzeitschriften, ist Fußball- und Formel 1- Fan. Musikalisch interessiert er sich für Rap und Pop, bei Filmen für Action. Was er beruflich macht, weiß er noch nicht. An Wochenenden geht er in die Disco. „Ich tanze und unterhalte mich. Ich mag Blackmusik und Rap", sagt er.

David Meissner, der mit 17 Jahren die Reise begann und am Amazonas 18 wurde, weiß immer, wo es Tanz gibt. Er geht in Clubs, wo man Musik anderer Nationalitäten spielt. Er hat schon gelernt, nach kroatischer und griechischer Musik zu tanzen. „Die Art zu tanzen ist verschieden", sagt er. Er kennt ein bisschen die brasilianische Musik und karibische, „wo man Salsa tanzt". David sagt, er muss viel für die Schule lesen und hat wenig Zeit für andere Lektüre, mit Ausnahme von Sportzeitschriften und Biographien berühmter Sportler. Brasilien war für ihn ein sozialer Widerspruch, Armut, Reichtum und Aggressivität. „ Für mich ist die Armut größer, als ich mir vorgestellt habe. Es ist erstaunlich, dass es in der Stadt alles gibt, Restaurants, Supermärkte etc., auf dem Land dagegen fast nichts", fügt er hinzu. Das einfache Leben im Landesinnern gefiel ihm. Am meisten betroffen war er, als der Häuptling von der Invasion seines Reservats erzählte. "Respektiert diese Menschen niemand?" fragt er.

Markus und David sind seit 6 Jahren Freunde. Die Freundschaft begann in der Schule und erstreckte sich auf das Basketballspielen, denn sie spielen im selben Verein. Auf dieser Reise ergänzten sie sich bei ihrer Arbeit. Wenn Markus an der Kamera stand , war David für den Ton verantwortlich. In den Geschäften von Belém verbrachten die beiden Stunden auf der Suche nach Originalhemden ihrer brasilianischen Lieblings-Fußballteams. Markus kaufte eines von Flamenco, David von Sao Paulo.