Frankfurter Rundschau

Eigensinnig, beharrlich, kritisch

Der frühere Daimler-Betriebsrat und Grüne Willi Hoss ist tot

Von Peter Henkel (Stuttgart)

Anfang Dezember kam er zum letzten Mal aus dem nördlichen Brasilien zurück, wo ihm mit dem Regenwald des Amazonas und seinen Bewohnern mehr als nur ein neues, großes Betätigungsfeld zugewachsen war. Im Alter von 73 Jahren ist in Stuttgart der frühere Grünenbundestagsabgeordnete und Daimler-Benz-Betriebsrat Willi Hoss gestorben - nach schwerer Krankheit und einem außergewöhnlichen Leben, das geprägt war von Engagement, Brüchen und Neuanfängen.

Einer breiteren Öffentlichkeit war Hoss in den 70er Jahren bekannt geworden: Mit einer eigenen, links-undogmatischen Liste forderte der gelernte Hochdruckschweißer bei Daimler-Benz in Stuttgart-Untertürkheim die IG Metall heraus, deren Betriebsräten er Angepasstheit und autoritäres Regime vorwarf. Fast 40 Prozent eroberte die „Plakat-Mannschaft" bei der Wiederholung einer Betriebsratswahl, bei der die Gewerkschaft, wie gerichtlich festgestellt wurde, gemogelt hatte.

Die Rebellion gegen IG Metall und SPD war typisch für Hoss.

Eigensinnig, beharrlich, kritisch gerade auch gegenüber dem eigenen Lager, dabei immer ein Mann leiser Töne - dazu will kaum passen, dass die KPD den gebürtigen Holländer in den Nachkriegsjahren als Agitator einsetzte. 1968, nach der Invasion der Sowjetunion in die Tschechoslowakei, brach Hoss endgültig mit Moskau.

Elf Jahre später gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Grünen, als deren „Vorzeigearbeiter". In dieser Rolle machte Hoss SPD und Gewerkschaften nervös, fand dann aber doch nur wenige Nachahmer im Arbeitermilieu. Seine Äußerung in der FR, notfalls sei bei der Bundestagswahl 1980 auch ein Sieg des Kanzlerkandidaten F. J. Strauß hinzunehmen als Folge von SPD-Verlusten an die neue Partei, empörte nicht nur Herbert Wehner.

Hoss jedenfalls hatte sein neues großes Thema gefunden: Ökologie, umfassend verstanden als Gerechtigkeit gegenüber Natur und Mensch, an Stelle von Revolution und Klassenkampf. 1983 bis 1985 saß er im Bundestag, und weil er satzungsgemäß nach zwei Jahren aus dem Parlament hinausrotieren musste, kehrte er wieder an seinen Arbeitsplatz bei Daimler zurück Wie verständnislos viele Kollegen Malocher auf so viel Konsequenz reagierten das ist ihm nachgegangen den Rest seines Lebens.

Nach einer weiteren Bundestagsperiode (1986-90) kam Hoss über die Daimler-Niederlassung in São Paulo mit brasilianischen Regenwald-Bewohnern in Berührung. Fortan entwickelte er in Zusammenarbeit mit der Universität Belém und auch mit seinem früheren Arbeitgeber Daimler unermüdlich Projekte, mit denen Strom, sauberes Wasser oder neue Nutzungsmöglichkeiten der Kokosfasernutzung an Stelle bloßer Waldvernichtung auch in abgelegene Dörfer kamen.

Der andere Teil seines Lebens war die Familie: Hoss war mit der Schauspielerin und Intendantin Heide Rohwedder verheiratet, die er in der legendären Peymann-Ära in Stuttgart kennen gelernt hatte. Als Vater erlebte Hoss den Aufstieg von Tochter Nina zu einem hochgelobten jungen Star im Film und auf der Berliner Theaterbühne mit.

Die Grünen hat Hoss verlassen. Die Trennung erfolgte nach längerer Entfremdung - auch von ihrem Führungspersonal. Zudem erschien ihm schließlich der „Krieg gegen die Zivilbevölkerung in Afghanistan als Signal der reichen Länder gegen die Dritte Welt".