Mit Kamera und Drehbuch in Brasiliens Regenwald Gymnasiasten aus Stuttgart und Weissach dokumentieren das Poema-Projekt von Willi Hoss in Amazonien

VON HEIDEMARIE A. HECHTEL (Stuttgarter Nachrichten, Mittwoch, 30. Juni 1999)

Stuttgart — Frankfurt — Sáo Paulo - Belém -Surucuá - Manaus und zurück: Stationen einer ungewöhnlichen Ferienreise, zu der am 21. Juli drei Stuttgarter Gymnasiasten aufbrechen werden, um Willi Hoss in den Regenwald von Amazonien zu folgen.

Schulleiter Reiner Hohloch gab schon eine Woche vor Ferienbeginn Dispens. Aber eine Vergnügungsreise werden die drei Wochen sicher nicht. Eher strapaziös und abenteuerlich. Und vor allem mit einer Aufgabe verbunden: Sandra Zieger, Markus Gall und David Meissner, Elftkläßler aus Neugereut und Mitglieder der Medien-AG, zu denen noch der Abiturient Janosch Haußmann aus Unterweissach stieß, werden einen Dokumentarfilm mit dem Titel ,,Trinkwasser für Surucuä" drehen.

Man muß ein wenig ausholen, um zu erklären wie es zu dieser Ungewöhnlichen Unternehmung kam. Willi Hoss, Grüner der ersten Stunde mit Bundestagsmandat und gerade 70 geworden, mithin ein Mann im Rentenalter, der sich‘s gemütlich machen könnte, hat sich bekanntlich einem Umweltprojekt in Amazonien verschrieben. Und er besitzt vor allem genug Charisma, um auch junge Menschen zu begeistern. Der Funke zündete in der Jörg-Ratgeb-Schule in Neugereut, als Hoss dort vor zwei Jahren einen Vortrag über das Projekt Poema hielt.

Poema ist die Abkürzung von ,,Pobreza e Meio Ambiente na Amazonia", zu deutsch ,,Armut und Umwelt in Amazonien". Ein Projekt der Universität Bel~m mit Wissen

schaftlern verschiedener Disziplinen, die den Kampf gegen Monokulturen und die Vernichtung des Regenwaldes aufgenommen haben. Und in Hoss, mittlerweile Professor h. c., ihren Verbindungsmann zur Bundesrepublik und der EU fanden.

Seit Hoss berichtete, wie neue, dem Wachstumsprinzip des Regenwaldes abgeschaute Anbauformen — ,,Paranuß, Palmen, Mango, Kaffee, Kakao, Zitrone~, Orangen, Maniok, Mais und Bohnen werden etagenweise gepflanzt, damit die Feuchtigkeit länger gespeichert wird" — drei- bis vierfache Erträge bringen, aber alles vom Trinkwasser abhänge, setzte sich die Schule zum Ziel, eine 30 000 Mark teure Trinkwasseraufbereitungsanlage zu finanzieren.

27 000 Mark sind tatsächlich zusammengekommen. Wie aus dieser Spendensumme ein Brunnen gebohrt, eine Pumpe gebaut und Rohre verlegt werden, wird das Stuttgarter Team filmisch dokumentieren. Und mit der Kamera festhalten, wie mit Hilfe einer Photovoltaikanlage die Kinder in der Indianerschule auch nach Einbruch der Dunkelheit noch lernen können. Denn Elektrizität ist in dieses Dorf nicht vorgedrungen.

35 000 Mark kostet die Reise für das ganze Team samt dem Lehrer Helmut Aulenbach. Wer zahlt das? 1000 Mark muß jeder selbst aufbringen. Sandra hat dafür, gejobbt, Markus bekommt es von den Eltern, muß dafür aber den Führerschein selbst zahlen. So ähnlich, brummt David, sei‘s bei ihm auch. Für den großen Rest fand Hoss bewährte Sponsoren im Daimler-Chrysler-Konzern, der auch in Brasilien Hilfe leistet, indem die dortigen Werke statt Kunststoff nun Kokosfasern in Sitzen, Rückenlehnen und Kopfstützen verarbeiten. Dann Kodak, die Stiftung Entwicklungszusammenarbeit und den SWR, der eine hochwertige Videokamera zur Verfügung stellte. Das Kultusministerium stiftete 500 Mark pro Schüler.

Das Drehbuch, 14 Seiten für 30 Minuten steht im Prinzip. Zur letzten Besprechung brachte Hoss neben den Flugtickets eine Anregung seiner Frau mit. ,,Das ist noch zu dokumentarisch, da muß noch ‘ne Geschichte rein", hatte die Schauspielerin und Regisseurin Heidemarie Rohweder geraten. Also wird noch mal überarbeitet, an der Kamera geübt und Portugiesisch gelernt.