Stuttgarter Nachrichten 23.02.2003

„Sein Charisma lag in seiner unaufgeregten Art"

Trauerfeier für einen integren Rebellen: Willi Hoss hatte sich Lieder von Lindenberg und Sinatra gewünscht

VON UWE BOGEN

Der Traum vom „Niemandsland", in dem alle gleich sind, sollte bei seiner Beerdigung anklingen. Willi Hoss hatte sich Udo Lindenberg gewünscht, dessen Lied vom „Niemandsland" am Donnerstag bei einer ergreifenden Trauerfeier auf dem Waldfriedhof gespielt wurde: ,,Das Undenkbare wird gedacht. Und das Unmögliche wird gemacht."

Die Kapelle reichte nicht, um die vielen Menschen aufzunehmen, die Abschied nehmen wollten von dem früheren Daimler-Betriebsrat, Grünen-Mitbegründer und Regenwald-Aktivisten. Abschied von einem sanften Freund und integren Kämpfer, dessen Charisma, wie es Bürgermeister Klaus-Peter Murawski formulierte, „in seiner Ruhe, in seiner unaufgeregten Art" lag.

Viele der über 500 Trauergäste standen im Freien. Über Lautsprecher wurde die Trauerfeier nach außen übertragen, die genau nach den Wünschen von Willi Hoss ablief, der an den Folgen einer Krebserkrankung mit 73 Jahren gestorben war. Hoss hatte sich außer Lindenberg und Michael Jacksons „Earthsong" ein Lied von Frank Sinatra gewünscht, das in der Version von Robbie Williams gespielt wurde: „it was a very good year." Darin zieht Sinatra Bilanz. Es ist die Bilanz, die auch Willi Hoss für sich gezogen hat: Es war ein gutes Leben.

Die Sonne schien, während drinnen Peter Schindler auf der Orgel „Orfeo Negro" spielte und draußen viele politische Weggefährten an das dachten, was Professor Peter Kammerer, Mitautor der noch unvollendeten Hoss-Memoiren, als das „schöne rote Glück" bezeichnete, das man gemeinsam erlebt habe. Der menschliche Rebell habe es aber auch verstanden, ,,die politischen Fronten souverän zu vermischen". Doch nicht alles habe sich bei ihm um Politik gedreht. Unvergessen sind Kammerer seine Begegnungen mit Hoss auf einer Hängematte.

Kammerer erinnerte, wie Hoss seiner ersten Frau und seiner ersten Tochter Irina nach Stuttgart gefolgt war, wie er beim Kampf im Betriebsrat bei Daimler „seine ersten Herzrhythmusstörungen" bekam. Stolz sei Hoss auf ,,seine viele Leben" gewesen, die sich „langsam, ohne Sprünge" entwickelt hätten. Sein ,,Drang der Liebe zum Ausschließlichen" sei bei ihm zu einem politischen Wert geworden. Er habe das zwar nicht gesagt, so Kammerer, aber gelebt, auch im engen Verhältnis zu Frau Heidemarie Rohweder und Tochter Nina Hoss. Mit einer Sonnenbrille in der Kapelle schützte sich die Schauspielerin vor Boulevard-Fotografen, die ihr zum Teil sehr nahe kamen.

Die Beisetzung wird nach der Einäscherung im engsten Familienkreis stattfinden.

Thomas Mitschein, Mitbegründer des Vereins Poema, berichtete von der Gedenkfeier für Hoss, den Ehrenhäuptling, in Amazonien. Dort habe jemand die Vermutung geäußert, dass der Häuptling im Himmel am Tisch der Mächtigen Platz nehme und sich von dort für eine faire Welt einsetze. Daimler-Betriebsrat Gerd Rathgeb nannte Hoss „Realist im Kopf und Idealist im Herzen", ehe die Brasilianerin Lucy sang und Pfarrer Hans-Karl Schmid ein Gebet sprach. Der Trauerfeier folgte ein Treffen im Theaterhaus. Beim Gedanken an seinen Freund hat Kammerer eine klare Vorstellung: „Willi kann überall die Hängematte aufhängen - auch zwischen den Sternen."