Stuttgarter Zeitung 21.02.03

Sanfter Rebell und grünes Urgestein – Willi Hoss ist tot

Der ehemalige Betriebsrat ist nach langer Krankheit gestorben - Er hat sich auch für die Bauern am Amazonas stark gemacht

Willi Hoss ist stets seiner Linie treu geblieben - das hat ihn oft auch im eigenen Lager in die Opposition getrieben. Foto Michael SteinertWilli Hoss, der frühere Daimler-Betriebsrat und Bundestagsabgeordnete der Grünen, ist gestern im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines Krebsleidens gestorben. In den vergangenen Jahren hatte sich Hoss stark für sein Entwicklungshilfeprojekt ,,Poema" in Brasilien engagiert.

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt

Das Bundesverdienstkreuz am Bande, das ihm vor kurzem verliehen worden war, konnte Willi Hoss Ende Januar im Stuttgarter Rathaus aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr persönlich entgegennehmen. Seine Frau, die Theaterregisseurin Heidemarie Rohwedder, war bei der Feier anwesend. Gestern würdigte Oberbürgermeister Wolfgang Schuster Hoss als ,,großen Kämpfer, der sich dafür eingesetzt habe, ,,Ökonomie und Ökologie zusammenzubringen".

Willi Hoss gehörte zu den Menschen, die das Bundesverdienstkreuz verdient haben. Er gehörte aber auch zu denen, die sich davon nicht besonders beeindrucken ließen. Beeindruckt hat der am 27. April 1929 im holländischen Vaals geborene Hoss seine Freunde und Gegner stets durch sein konsequentes Eintreten für andere, für die kleinen Leute und die gerechte Sache - ob als unabhängiger „Plakat“-Betriebsrat bei Daimler-Benz, als Grünen-Abgeordneter im Bundestag oder als Entwicklungshelfer für die ausgebeuteten Bauern im Amazonasgebiet.

Dabei blieb Willi Hoss stets seiner Linie treu, was ihn oft auch im eigenen Lager in die Opposition trieb. Er war kein lauter, sondern ein sanfter, aber ein konsequenter Rebell. Bei Daimler-Benz gründete der gelernte Schweißer einst die oppositionelle „Plakat“-Gruppe, als er der Betriebsratspolitik der IG Metall nicht mehr zustimmen konnte. Die Rebellen nahmen der Gewerkschaft bis zu 40 Prozent Stimmen bei Betriebsratswahlen ab.

Auch als Kommunist hatte Hoss einen eigenen Kopf - als Panzer des Warschauer Pakts in die CSSR einrollten, trat er 1969.aus der Partei aus. Macht sei ein „notwendiges Übel“, sagte er in Interviews, ihr Missbrauch war ihm ein Gräuel. Verkrustete Herrschaftsstrukturen aufzubrechen, dies war hingegen die Sache des Willi Hoss. Der Querdenker, der in den Siebzigern mit Rudi Dutschke und anderen 68ern neue Gesellschaftsentwürfe diskutiert hatte, gehörte 1979 zu den Gründungsvätern der Grünen. Für diese zog er 1983 als „grünes Urgestein“ in den Bundestag. Dem Parlament gehörte er - mit Unterbrechungen - acht Jahre lang an. Dann hatte sich der sanfte Rebell „lange genug den Hintern plattgesessen“. Stolz war er schon damals auf seine Tochter Nina, die eine anerkannte Schauspielerin wurde.

Ende 2001 hatte der „Realo“ Hoss auch von den Grünen genug: Aus Protest gegen die Entscheidung, Soldaten nach Afghanistan zu schicken, kehrte er der Partei den Rücken. Bereits zuvor hatte der Unruheständler seine Art von Solidarität mit armen Menschen praktiziert. Im brasilianischen Regenwald gründete er 1994 den Verein „Poema“ - Armut und Umwelt in Amazonien. Sein Projekt, für das er in Vorträgen warb, verfünffachte das Einkommen der beteiligten Bau ern. Willi Hoss brachte Daimler-Chrysler dazu, aus den von den Bauern produzierten Kokosfasern Autositze herzustellen. Auch in Amazonien, tausende von Kilometern von Stuttgart entfernt, wird die Nachricht von Hoss’ Tod Trauer auslösen. Auch dort haben viele einen Freund verloren.