Wer hat die Kokosnuss verbaut: Sie wird zur Kopfstütze

In Brasilien entwickelt sich ein kleines, aber feines Geschäft - DaimlerChrysler hilft Kleinbauern

Kaum zu glauben, aber wahr: Aus Fasern wird eine Sonnenblende. Bild: dpaIhr Fruchtfleisch ist begehrt, die unansehnliche Hülle wird allerdings oft achtlos beiseite geworfen. An der Mündung des Amazonas haben nun einige tausend Brasilianer ein neues Verhältnis zur Kokosnuss entwickelt.

Mit der POEMAtee Ltda. ist in Ananindeua nahe Belém nach jahrelangem Experimentieren eine Fabrik für Autoprodukte aus Kokosfasern eröffnet worden. DaimlerChrysler do Brasil wird von dort Sitze., Rückenlehnen, Kopfstützen und Sonnenblenden für Lastwagen, aber auch A-Klasse-Pkw beziehen.

"Naturprodukte aus nachwach­senden Rohstoffen werden immer mehr von der Automobilindustrie verwendet" sagt der brasilianische DaimlerChrysler-Chef Ben van Schaik. Thomas Mitschein, der das POEMA-Projekt leitet, hofft auf weitere Kunden für die Fabrik in der armen Amazonas-Region.

Wer die Abkürzung POEMA über­setzt (Programma Pobreza e Meio na Amazonia/Programrn Armut und Umwelt in Amazonien), ahnt, dass es sich bei der Faserfabrik nicht um eine reine Wirtschaftssto­ry handelt: Vor zehn Jahren gab es eine Idee. Und ein paar handelnde Personen: Einen an der Universität von Belém lehrenden deutschen Soziologe . n, der von der Armut und den Umweltproblemen am Amazo­nas erschüttert war. Einen Bundes­tagsabgeordneten der Grünen, der sich als Mitglied der deutsch-brasi­lianischen Parlamentariergruppe engagierte. Und einige Daimler­Manager, die sich mit offenen Au gen im Land bewegten.

Sie sind die Akteure in einer be­wegten Geschichte: Der Soziologe Mitschein kam Ende der 80er Jahre an die Universität des brasiliani­schen Bundesstaates Para in die 1,3 Millionen-Stadt Belem. Die Armut der Kleinbauern, die in ihrem Überlebenskampf mit dem Regen­wald alles andere als schonend um­gingen, veranlasste ihn, ein Hilfs­projekt zu starten.

Er lernte den Grünen-Bundestagsabgeordneten Willi Hoss kennen. Der fand beim Top-Management der damaligen Daimler-Benz AG, unerwartet Gehör. So entstand POEMA - zunächst mit einer Milli­on Dollar von Daimler und der UNICEF aufgepäppelt. Es wurde zu einem umfassenden Programm der Selbsthilfe und der bäuerlichen Selbstversorgung.

Eine der vielen Ideen: Die vor der Hütte wachsenden Pflanzen und Früchte genutzt sollen werden.

Das Konzept ging auf: eine 3200 Quadratmeter große Fabrik im Regenwald. Ende des Jahres sollen monatlich 30 Tonnen Autoteile pro­duziert werden. Wenn alles gut läuft, werden in der Fabrik und bei den Zulieferern 550 Arbeitsplätze geschaffen und damit die Lebensbedingungen von 3000 Menschen verbessert.

Knapp neun Millionen DM hat die Anlage gekostet. Geld kam von lokalen Banken und vom Staat. Die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) legte 500 000 Mark drauf. Den Löwenan­teil zahlte DaimlerChrysler - allein rund fünf Millionen Mark. für die aus Deutschland stammenden Maschinen.

Es ist eine Menge Goodwill dabei. Und alle Beteiligten wollen ihr Engagement fortsetzen. Der 72jährige Hoss sammelt weiter Geld für Wasserentkeimungsanlagen für Amazonas-Indianer. Mitschein will die POEMA-Idee in andere arme Regionen exportieren, und DaimlerChrysler setzt das gewonnene Know how bei der Produktion von Hutablagen aus Sisal in Südafrika ein.