Reisebericht 2026
Von Johann Graf
Altamira, 29. April 2026
Mit Ana, Luis und Elena haben wir heute noch einmal die Situation um Belo Sun erörtert. Die bisherige Genehmigung des Projektes umfasst ausschließlich Infrastrukturmaßnahmen, wie den Bau von Zufahrtsstraßen, Verwaltungsgebäuden und Ähnliches mehr. Diese Genehmigung ist aus dem Jahr 2017 und wurde aufgehoben und erst zu Beginn diesen Jahres wieder in Kraft gesetzt. Die Gegner von Belo Sun gehen gegen diese erneute Freigabe dieser Genehmigung juristisch vor, mit dem Argument, dass die damaligen Anhörungen von einer privaten Firma durchgeführt wurden und nicht alle Betroffenen einbezog, insbesondere die Indigenen. Eine Genehmigung für den Betrieb einer Mine wurde bisher nicht erteilt. Ana und Luis sehen die große Gefahr, dass Belo Sun mit vielen kleinen Schritten ihrem Ziel näher kommen könnten. Die juristische Situation ist sehr komplex.
In diesem Kontext sind auch die Präsidentschaftswahlen im Oktober wichtig. Sollten die Bolsonaristen gewinnen wird es ganz schwierig die Goldmine zu verhindern. Zwar stellt sich die Regierung Lula auch nicht gegen das Projekt, aber sie wird sich an gerichtliche Entscheidungen halten. Das wird im Falle einer Bolsonaroregierung , sein Sohn ist leider aussichtsreicher Kandidat, nicht so sein. Unsere Freunde von Xingu Vivo sehen sich in der Funktion das Netzwerk des Widerstandes mitzuorganisieren. Letzte Woche führten sie ein Treffen mit VertreterInnen relevanter sozialer Gruppen der Stadt Altamira durch. Auch hier kam viel Unterstützung gegen die Ansiedlung von Belo Sun. Die Aktivitäten der indigenen Frauen sind ja noch neu, und sie brauchen Schulungen über die politischen Hintergründe und wie man den Widerstand erfolgreich gestalten kann. Für diese Aktivitäten bitten sie um weitere Unterstützung, sie selbst, genauso wie die Indigenen, die Kleinbauern verfügen über keine finanziellen Mittel. Belo Sun hat unerschöpfliche Ressourcen und dazu die Unterstützung durch die Mehrheit der politischen Kaste Brasiliens. Trotzdem hält Xingu Vivo es für möglich, sogar für wahrscheinlich, dass Belo Sun verhindert werden kann.
Altamira, 28. April 2026
Heute waren wir mit Lekaraty Xikrin und Ana im dem Gebiet, in dem die Mine Belo Sun entstehen soll. Lekaraty ist eine der Anführerinnen der indigenen Frauen bei den Protestaktionen in den letzten Wochen gegen Belo Sun. Ihr Dorf war ursprünglich in der Volta Grande des Rio Xingo. Durch den Bau des Staudamms Belo Monte wurde ihre Lebensgrundlage dort zerstört. Sie mussten das Gebiet verlassen, weil es nicht mehr genug Wasser gibt, der Fischfang für die Ernährung nicht mehr ausreicht und die Felder verdorrten und jagbare Tiere eingingen oder verschwanden. Sie leben jetzt in der Nähe von Anapu. Ihre Erfahrungen mit Belo Monte, wo ihnen viel versprochen wurde und sie letztendlich mit den gravierenden Problemen alleine gelassen wurden, führte mit zum jetzigen Engagement gegen die Goldmine. Sie hat sich schon immer für ihre Gemeinschaft engagiert und mit Frauengruppen gearbeitet, bislang aber nur innerhalb der Xikrin. Wie bei vielen Indigenen sind es auch bei den Xikrin die Männer, die den Stamm nach außen vertreten. Die Frauen blieben bislang eher im Hintergrund. Dass es jetzt die Frauen sind, die den Kampf gegen Belo Sun anführen, erklärt sie damit, dass es die Frauen seien, die am meisten unter den Auswirkungen dieser Mamutprojekte zu leiden haben.Sie sind unmittelbar betroffen, wenn es keine Lebensmittel gibt und wenn das verschmutzte Wasser die Kinder krank macht. "Wir verkaufen unsere Flüsse und unseren Wald nicht. Ich kämpfe nicht für mich, sondern für die Generation nach uns, für meine Kinder und für meine Enkel." Und,so erklärt sie uns: "Jeder Baum im Wald ist wie ein Bruder und eine Schwester, die Früchte, die auf die Erde fallen, sind unsere Kinder, die Samen unsere Enkel. Der Fluß ist unser Blut. Wenn wir den Wald nicht schützen sterben unser Früchte und unsere Samen. Wenn wir den Fluss nicht rein halten ist unser Blut vergiftet."
Wir haben den Tag mit ihr sehr genossen, weil sie trotz des großen Unrechts, dass ihr und ihrem Volk angetan wird, sie große Lebensfreude ausstrahlt und wir immer wieder von ihrem Lachen angesteckt wurden.
In dem Gebiet, das Belo Sun beansprucht, haben wir mehre Familien besucht, die POEMA bei ihrer zwei Jahre dauernden Besetzung unterstütz hat. Sie haben mittlerweile offiziell hier Land erhalten. POEMA hat ihnen dafür Pflanzen und Werkzeug aus Spendenmittel finanziert. Jetzt tragen ihre Felder Früchte und sie können sogar in bescheidenem Umfang diese im nächsten Ort verkaufen. Allerdings werden auch sie von Belo Sun bedroht. Sie werden regelmäßig von Sicherheitsdienst von Belo Sun aufgesucht, mit Drohnen überwacht, und wenn sie nicht vor Ort sind gibt es Vorfälle von Vandalissmus. Die Botschaft ist eindeutig, verschwindet hier. Juan Baptista, Jose Antonio, Francisco und Hubama, alle sind Kleinbauer hier und waren schon bei der Besetzung dabei, wollen sich nicht einschüchtern lassen. Alle bedanken sich für die Unterstützung durch POEMA. Sie wollen hier auf ihrem Land bleiben, sie wollen für ihre Rechte kämpfen. Lecarati ist zum ersten Mal hier und im Kontakt mit den Bewohnern. Die Kleinbauern kennen sie von den Aktionen der indigenen Frauen aus dem TV. Sie sind sich mit ihr einig, sie führen beide, Indigene und Kleinbauern, den gleichen Kampf. Die Goldmine Belo Sun darf nicht gebaut werden. Sie würde den Wald, den Fluß, die Natur und ihr Leben zerstören.
Altamira, 28. April 2026
Gestern Abend fand noch ein Treffen mit VertreterInnen von vier indigenen Ethnien,die die Aktionen gegen das Minenprojekt Belo Sun in den letzten Monaten organisiert und durchgeführt haben,statt. Zoe von den Juruna, Lecaraty von den Xikrin, Mokuka und Txja von den Xipaya und Katapury und seine Frau Prepty von den Xikrin saßen mit uns am Tisch und berichteten über ihre Aktionen gegen die geplante Goldmine Belo Sun. Die erste Besetzung war im Dezember und betraf das Büro der FUNAI, der so genannten "Indigenenschutzbehörde", und es waren fünfzig Frauen dieser Völker beteilgt. Sie wollten, dass die Funai ihre Interessen vertritt, was eigentlichauch ihre Aufgabe ist. Es passierte nichts, und so wurde die Aktion im Februar und März über 40 Tage fortgesetzt. Am Ende wurde dann auch der Flughafen von Altamira blockiert. Es ist neu, dass indigene Frauen in der fordersten Linie solcher Auseinandersetzungen stehen. Aber sie leiden am meisten im Alltag unter solchen Großprojekten. Sie berichten alle über ihre Erfahrungen mit dem Staudammprojekt Belo Monte. Belo Monte hat für sie die Auswirkung, dass die Flüsse, an denen sie leben, austrocknen, dass die Fische als Nahrungsmittel fehlen, dass ihre Felder unter der Trockenheit verdorren un dass ihre traditionellen Transportwege, die Flüsse, nicht mehr befahrbar sind. Sie befürchten, dass mit dem Minenprojekt die Natur und damit ihre Lebensgrundlage weiter zerstört wird. Deshalb kämpfen sie dafür, dass dieses Projekt Belo Sun nicht verwirklicht wird. Sie haben sich alle bei POEMA für die Hilfe währen der Besetzungsaktionen bedankt. Sie hoffen auf weitere Unterstützung, denn sie wissen diese Auseinandersetzung wird noch lange dauern und sie planen weiter Aktionen.
Altamira, 27. April 2026
Wir sind seit gestern am Xingu. Heute morgen trafen wir uns im Büro von Xingu Vivo mit Elena, Ana, Josepha und Luis. POEMA unterstützt seit über 20 Jahren die Bewegung Xingu Vivo. Antonia Melo, die Gründerin hat viele Jahre gegen das Mamutprojekt Belo Monte gekämpft. Heute ist sie gesundheitsbedingt etwas im Hintergrund, aber immer noch aktiv. Sie ist mit dem Flieger, mit dem wir ankamen, nach Belem zum Gesundheitscheck geflogen. Der Vormittag war ausgefüllt mit Informationen zur aktuellen Situation hier in Altamira. Es gibt zwei Schwerpunktthemen: Immer noch Belo Monte, der Staudamm und seine Folgen, und Belo Sun, das geplante Minenprojekt. Von Anfang an wurde von Gegnern des Staudammprojektes darauf hingewiesen, dass es für die Dimension des Kraftwerkes nicht genügen Wasser gibt. Deshalb streitet die Betreiberfirma Electro Norte mit den Betroffenen hier seit Inbetriebnahme wieviel Wasser zum Staudamm geleitet wird und wieviele in den Umgehungskreislauf fliesst, der für den Erhalt der Fischpopulation überlebenswichtig ist. Uns wurden Bilder gezeigt, auf denen große Mengen Fischlaich im Trockenen liegen, weil eben zu wenig Wasser in den Umgehungskreislauf geleitet wurden. Das ist einer der Gründe, warum der Fischbestand massiv abgenommen hat. Die Wasserknappheit wirkt sich auch dramatisch auf die Bewohner Altamiras aus. In fünf Stadtteilen gibt es kein fließendes Wasser, die Versorgung erfolgt mit Tankwagen. Davon betroffen sind ein Drittel der Einwohner, die dagegen auch immer wieder protestieren. Aber es sind bis heute immer noch viele Umweltauflagen, die mit der Genehmigung des Betriebes festgelegt wurden, nicht erfüllt.
Assentamento Abril Vermelho, 24. April 2026
Padre Paulinho ist einfach ein freundlicher Mensch. Er hat uns gestern früh im Hotel abgeholt und mit seinem Polo in Assentamento Abril Vermelho gefahren. Die Siedlung liegt rund 50 Kilometer von Belem in der Nähe von Mosquero, nahe am Meer. Ursprünglich war hier eine große Plantage von Dendee-Palmen zur Ölproduktion in Monokultur. Etwa die Hälfte diese Gebietes wurde 2004 von den Aktivisten der Landlosenbewegung MST (movimento sin tera) besetzt. Die Besetzung erfolgte vor dem Hintergrund, dass diese Firma sich das Land unrechtmäßig angeeignet hatte. Es folgten jahrelange zum Teil gewaltätige Auseinandersetzungen bis vor fünf, sechs Jahren die Besetzung legalisiert und anerkannt wurde. Seither gibt es auch keine Übergriffe und Bedrohungen mehr. Dreihundert Familien erhielten je 20 Hektar Land, wobei sie jeweils nur 5 Hektar bewirtschaften. Mittlerweile sind es 470 Familien und fast 2000 Personen. Es gibt eine eigene Schule und eine Gesundheitsstation, und seit letztem Jahr, mit Unterstützung von POEMA, eine Schule für Agroökologie. Hier werden Erwachsene und Kinder mit ökologischer Landwirtschaft in Theorie und vor allem in der Praxis vertraut gemacht.
Die Schule besteht aus einem größeren Gebäude mit Versammlungsraum, Küche und sanitären Einrichtungen und Übernachtungsmöglichkeiten. Daran anschließend ist ein großer Garten und ein Gewächshaus um Setzlinge zu produzieren. Wir wurden von etlichen Bewohnern freundlichst empfangen, es wurde uns alles gezeigt und erklärt. Die finanzielle Hilfe von POEMA, so wurde immer wieder betont, war entscheidend für die Entstehung der Fortbildungsstätte, aber das Gebäude selbst wurde von den Bewohnern in Eigenarbeit errichtet. Während der COP30 waren viele Gruppen von internationalen Gästenhier und bestaunten die Einrichtung, viele waren auch hier untergebracht.
Wir übernachteten im Haus von Valeria und Filho, einem kleinen Paradies umgeben von Palmen, Papajabäum, Asaipalmen, Hühnern und Enten und einem Fischteich. Heute Vormittag besuchten wir Dona Neta auf ihrem Land, wo sie einen Kräutergarten betreibt und Setzlinge für die Bewohner der Assentamento zieht. Sie ist ein Orginal, 73 Jahre alt und geistig und körperlich jung geblieben. Sie führt uns durch den Garten, erklärt jede Pflanze, läßt uns riechen und fragt, ob wir das in Deutschland auch kennen. Sie leitet eine Frauengruppe, die den Garten betreuen, ist in vielen Aktivitäten eingebunden und hat ein großes Wissen über Heilkräuter. Und sie ist überzeugte Aktivistin des MST. Wir werden sie und andere Bewohner am 1. Mai bei der Maimanifestation und einem in Belem stattfindenden großen Markt, wo sie ihre Produkte verkaufen, wiedersehen. Mit vielen Eindrücken und Informationen fahren wir mit Valeria im strömenden Regen nach Belem zurück.
Belem, 23. April 2026
Gestern Abend waren wir an die Universität von Para hier in Belem eingeladen. Jonas ist hier Professor, wir kennen ihn über seine Schwester Marilha, die auch Mitglied bei POEMA ist und in Stutgart lebt. Jonas hat auch mehrere Jahre in Dortmung gelebt. Er muss einmal im Jahr eine Vorlesung in Geographie machen,sein Gebiet ist eigentlich klinische Psychologie und Kultur. Zu dieser "Deutschstunde" hat er uns eingeladen. Fünfundzwanzig StudentInnen durften Fragen an uns stellen und wir konnten die Arbeit von POEMA vorstellen. "Wie unterscheidet sich Belem von Tübingen" war eine der Fragen. "Warum hat euer Kanzler hier bei der COP30 Belem beleidigt und war das Thema in Deutschland?" "Wart ihr schockiert bei eurem ersten Besuch bei Indigenen hier? Warum macht ihr diese Arbeit?" Die zwei Stunden waren schnell vorbei, und wir hatten den Eindruck, dass es für die Studenten interessanter war, als eine theoretische Vorlesung. War haben es auch genossen. Zum Schluß wollten sie noch jede Menge Selfies mit uns machen.
Belem, 22. April 2026
Die letzten beiden Tage waren wir mit Wäschewaschen und Erholung beschäftigt. Gestern war hier Nationalfeiertag, der dem Nationalhelden Tiradentes gewidmet ist. Er kämpfte für die Unabhängigkeit Brasiliens vom Königtum Portugals und gegen die Sklaverei, und wurde dafür 1792 gehängt. Deshalb hatten außer dem großen Einkaufszentrum alles geschlossen und wir bekamen nachmittags nirgends einen Cafe.
Heute waren wir im Büro der CIMI, der sogenannten Indigenenmission der katholischen Kirche. In der Vergangenheit hat die katholische Kirche auch auf übelste Weise bei Indigenen missioniert. Das ist zumindest seit dem Ende der Miltärdiktatur nicht mehr so. Die CIMI respektiert die indigenen Kulturen und unterstützt indigene Gemeinschaften in vieler Hinsicht , insbesondere bei den vielen Landkonflikten. Sie sind bestens mit den gesetzlichen Gegebenheiten vertraut und arbeiten mit diversen Menschenrechtsorganisationen zusammen.Paulo, Claudia-Lucy und Ahrodu gaben uns einen Überblick über die Arbeit der acht regionalen Betreungsgruppen, die für die Bundesstaaten Para und Amapa zuständig sind. Unter anderem erstellen sie einen jährlichen Bericht über alle Menschenrechtsverletzungen und gewalttätigen Übergriffe auf Indigene in Brasilien. Sie erhalten keinerlei staatliche Mittel und wurden in der Vergangenheit vor allem von Misereor, Adveniat und Caritas finanziert, wobei Misereor aus der Finanzierung ausgestiegen ist und insgesammt die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel drastisch abgenommen haben. Sie können deshalb vielen Anfragen auf Unterstützhung von indigenen Gemeinschaft nicht mehr nachkommen. Wir haben veeinbart, dass sie POEMA ein Projekt vorschlagen werden, so dass wir zukünfig auch mit der CIMI zusammenarbeiten werden
Santa Teresa, 19. April 2026
Die Nacht in Kyraruyrenda verlief ruhig, nur dass diese kleinen Blutsauger sich auch von den Moskitnetzen nicht abhalten lassen und uns übel zugerichtet haben. Am Vormittag gibt es eine kleine Versammlung. Itahu berichtet von den aktuellen Konflikten. Goldgräber und Holzräuber sind akutell das kleinere Problem. Es gibt Pläne innerhalb des Gebiets der Kaapor eine Mine zum Abbau verschiedener Mineralien, die hier vorkommen sollen, zu errichten. Beteiligt ist unter anderem Vale, das größte Bergbauunternehmen Brasiliens. Das ist alles noch in einem sehr frühen Planungsstadium, für die Kaapor aber sehr bedrohlich. Das andere sehr aktuelle Thema ist der Handel mit CO2-Zertifikaten. Eine amerikanische Firma will das bei den Kaapor realisieren. Der größte Teil der Kaapor lehnt das kategorisch ab. Es gibt aber ein Gruppe, die Interesse an diesem Deal hat. Es besteht die Gefahr einer Spaltung mit entsprechend negativen Auswirkungen. Sie haben große Sorgen was den Erhalt ihrer Kultur betrifft, die im bisherigen Kontakt mit der weißen Welt schon sehr gelitten hat. Wir verlassen das Dorf am frühen Vormittag, weil wir noch ein weiters besuchen müssen.
Es wurde erst jetzt als neues "Wehrdorf" gegründet. Wir treffen die drei Familien, die dort jetzt wohnen, an der Reservatsgrenze. Auch sie erhalten Lebensmittel, die wir zuvor in Novo Olinda gekauft haben. wir können sie nicht in ihr Dorf begleiten, weil es dort für uns keine regensicher Übernachtungsmöglichkeit gibt. Außerdem wäre es ein Fußmarsch von über sechs Kilmeter.
So übernachten wir wieder in Santa Teresa bei den La Salles. Heute morgen brechen wir für einen kurzen Besuch ins Dorf von Itahu, Murutuyrenda, auf um auch dort Lebensmittel vorbeizubringen. Auf dem Weg dorthin kommen wir auch durch den Ort Centro do Guilherme. Itahu erzählt, dass er hier schon mehrmals bedroht wurde und sich hier nicht alleine aufhalten soll. Itahu wird morgen nach Belem fahren, das Auto zurückbringen und dann zu einer Anhörung mit dem Anwalt der Kaapor nach Brasilia reisen. Wir werden ihn am kommenden Samstag noch einmal in Belem treffen und er wird uns darüber berichten.
Wir verlassen heute das Gebiet der Kaapor, werden aber auch erst am Montag in Belem ankommen, weil wir hier in Santa Teresa erst nachmittags aufbrechen können.
Kyraruyrenda, 17. April 2026
Wir werden die nächsten Tage mit einem geländegängigem Wagen unterwegs sein, den Itahu gemietet hat. Mit einem normalen PKW sind die meisten Dörfer der Kaapor nicht erreichbar. Ursprünglich wollten die Kaapor gestern Vormittag die Bundesstraße BR010 blockieren, um auf ihre mangelhafte Gesundheitsversorgung und die Probleme im schulischen Bereich, sowie die Bedrohung ihres Gebietes Holzräuber, Goldsucher und Bergbaubetriebe aufmerksam zu machen. Deshalb hatten sie etliche Kaapor aus verschiedenen Dörfern mit dem geliehenen Wagen zusammengeholt. Leider fiehl diese Aktion im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Es regnete den ganzen Vormittag so stark, dass eine Blockade nicht möglich war. Wir starteten mit einem größeren Einkauf von Lebensmitteln, weil die neuen Dörfer an der Reservatsgrenze sich noch nicht selber versorgen können. Sie wurden in den letzten Jahren neu gegründet um das Reservat besser vor unerwünschten Eindringlingen zu schützen. Tatsächlich fanden dort wo diese "areas de protecao" gegründet wurden keine illegalen Eintritte mehr statt. Zuerst besuchten wir Patuayrenda, ein Ort wo nur zwei Familien leben. Dort gibt es Probleme mit der Wasserverorgung, die Solarpumpe ist defekt und muss repariert werden.
Zwischen den meisten dieser Dörfer an der Reservatsgrenze gibt es keine Querverbindung, obwohl sie oft nur etliche Kilometer entfernt sind. So muss man jedesmal über Pisten zur Bundesstraße zurück, um erneut kilometerweit in Richtung Reservatsgrenzen und dem dort beginnenden Regenwald zu fahren. Insbesondere jetzt in der Regenzeit eine gewisse Herausforderung, aber Itahu ist ein sehr guter und besonnener Fahrer. Nachmittags erreichen wir Kyraruyrenda, das Dorf von Janejashi, der auch Mitglied des tuxa ta pame, des Rates der Kaapo ist. Wir waren hier auch schon vor drei Jahren als das Dorf gerade neu errichtet wurde. Hier wohnen fünf Familien, etwa 15 Erwachsene und rund 20 Kinder. Es gibt eine Schule für die jüngeren Kinder mit einem Kaapor-Lehrer. Die Ausstattung der Schule ist sehr bescheiden. Der Brunnen, den POEMA finanziert hat funktioniert, im ersten Anlauf musste die Bohrung wegen eines Felsens im Untergrund abgebrochen werden. Auf ihrem Feld bauen sie vor allem Manjok, Mais, aber auch Ananas, Papaja, Bananen, Avocados, Orangen und Kokos an.
In bescheidenem Umfang haben sie über ein Solarpanel auch Licht und über ein Funkgerät auch Kontakt in die Welt. Die Häuser sind stabil und vor allem regensicher. Wir werden freundlich begrüßt, leider auch ganz heftig von kleinsten Blutsaugern, die uns massiv attackieren.
Santa Teresa, 16. April 2026
Padre Paulinho war pünktlich um 7 Uhr an unserem Hotel. Er hat viele Jahre bei der Landpastoralen gearbeitet, und dort bei Landkonflikten Kleinbauern und Indigene unterstützt. Er ist überzeugter Vertreter der Befreiungstheologie und hat uns schon einige Male zu den Kaapor begleitet. Jose, eigentlich unsere Kontaktperson zu den Kaapor kommt nicht mit, er muss sich um seine Mutter kümmern. Es ist etwas unklar, was uns jetzt in Maranhao bei den Kaapor erwartet. Wir fahren mit Paulinhos Polo aus Belem heraus über die neue Avenida de Liberador, die extra für die COP30 gebaut wurde. Dabei wurde der letzte Regenwald nahe Belem geteilt und größtenteils zerstört. Auf dieser Strecke von rund 30 Kilometern wurden aber, quasi als Alibi, ein Dutzend "Tierbrücken" angelegt (siehe Foto), die, wenn überhaupt, vielleicht von Ameisen genutzt werden können. Es gab dann noch eine kleine Verwirrung, wir wollten nach Santa Teresa, wo die Kaapor ein kleines Haus gemietet habe. Wir waren dort auch schon mehrmals, hatten aber nicht mehr in Erinnerung, dass der Ort offiziell in Presidente Medici (ein rechter Politiker) umgtauft wurde. Wir kamen dann aber kurz vor Einbruch der Dunkelheit an, traffen Itahu an, den Caziken der Kaapor.Er wird uns die nächsten Tage begleiten. Wir übernachten in der Landwirtschaftsschule, die von der Bruderschaft La Salle betrieben wird und wurden aufs Freundlichste willkommen geheißen.
Belem, 15. April 2026
Wir sind gestern Nacht nach einer 20 stündigen Reise in Belem, der Stadt im Amazonasmündungsdelta angekommen. Wir werden in den nächsten Wochen die aktuellen Projekte von POEMA besuchen. Morgen früh wollen wir nach Maranhao aufbrechen um die Kaapor zu besuchen. Im Moment ist noch nicht sicher, ob das klappen wird. Wir warten noch auf die Rückmeldung von Jose, der den Besuch bei den Kaapor organisieren soll. Seine über 90-jährige Mutter hatte heute einen Unfall, und er muss sich um sie kümmern. Jetzt hoffen wir, dass wir trotzdem morgen aufbrechen können.
Auf dem Bild sitzt Brunhild in ihrem Lieblingscafe, gleich um die Ecke unserer Unterkunft in der Nähe der Praça da República.