Reisebericht 2026
Von Johann Graf
Macapa, 19. Mai 2026
Abschied vom Amazonas. Wir waren über fünf Wochen unterwegs und haben die verschiedenen Projekte und Partner von POEMA besucht. Wir waren bei den Kaapor, die ihr Land vor Holzräubern, Goldsuchern und C02-Spekulanten schützen, bei den Landlosen im Acampamento "Abril Vermelho", die sich über die neue escola agroecologico freuen, bei Xingo Vivo in Altamira, die mit den Auswirkungen von Belo Monte zu kämpfen haben, und jetzt noch die größte Goldmine Belo Sun verhindern wollen, gemeinsam mit den betroffenen Indigenen und den Riberinhos, wir haben neue Kontakte geknüpft für die Vorführung unserer Wiederaufforstungsprojekte in Cameta, und nicht zuletzt waren wir bei den Wajapi, die weiter Unterstützung beim Thema Frauengesundheit und bei der Erhaltung ihrer Eigenständigkeit und ihrer Kultur brauchen.
Wir haben viel Naturzerstörung gesehen, die mit Profitgier und unserer unreflektierten Lebensweise zu tun hat. Zu ertragen ist das nur im Kontakt mit den Menschen hier, den Indigenen, die ein Leben im Einklang mit der Natur führen und uns in vielem Vorbild sind. Das gibt uns Hoffnung. Hoffnung wächst nur mit unserem aktiven Einsatz für eine solidarische Welt und für den Erhalt einer intakten Natur.
In Brasilien stehen im Oktober wieder Präsidentschaftswahlen an. Sollte Bolsonaros Sohn gewinnen, was leider nicht ausgeschlossen ist, wird es noch schwieriger diese Ziele zu erreichen. POEMA wird weiter in Amazonien aktiv sein. Dafür bitten wir weiter um Unterstützung.
Aramira, 16. Mai 2026
Nach dem Tag, an dem wir zu Waiwai gewandert waren war erst mal Pause angesagt. Passenderweise regnete es fast den ganzen Tag. Pikuy kam immer wieder mal an unserer Hütte vorbei, um zu fragen, ob es uns gut geht. Nachmittags taucht zu Brunhilds Überraschung tatsächlich Waiwai auf, wie er es angekündigt hatte. Er sei leider im Matsch gestürzt, aber nichts passiert, tudo bom. Und er setzt gleich wieder seinen Portugisisch-wajapi-deutsch-Kurs fort. Aber er betont auch wie wichtig das Thema saude das mulheres, Frauengesundheit sei, und wir müssten dazu dringend Kurse für die Wajapifrauen anbieten. In der Nacht regnet es weiter und am nächsten Morgen ist Brunhild etwas schwach. Sie bleibt bis Mittag in der Hängematte, dann geht es ihr wieder besser.
Abends sitzen wir mit Pikuy und Waiwai, er ist sein Schwiegervater, vor der Hütte und reden über ihre Kultur und die Unterschiede zur weißen Welt. Die Frau von Pikuy ist ja vor einigen Jahren gestorben. Er könnte erneut heiraten, aber das kommt für ihn nicht in Frage. Scheidungen gibt es bei den Wajapi nicht. Die Paare bleiben tatsächlich bis zum Tod zusammen. Am nächsten Morgen ist mir etwas flau im Magen, aber auch das legt sich bis zum Abend. Dann ist es Zeit Mariry zu verlassen. Wir sind quasi um neun Uhr reisefertig, aber das Boot ist noch nicht da. So warten wir in der Schule, beobachten den Unterricht. Es sind rund 20 SchülerInnen da. Es ist eine Art Überprüfung des Kenntnisstandes. Der Sohn von Waiwai hat verschiedene Aufgaben, Grammatik und Mathematik an die Tafel geschrieben. Wer fertig ist kommt zum Lehrer, der gleich korrigiert. Dann darf man gehen, oder muss nachbessern.
Wir bekommen noch Arme und Beine mit Janipapo, einer Pflanzenfarbe bemahlt. Es sind alte Symbolbilder der Wajapi, mit Fisch-, Schlangen-, Jaguar- und Schmetterlingssymbolen. Dann kommt Wynamea mit dem Boot und wir fahren eine halbe Stunde durch den Wald in sein Dorf Takurueserenyny. Wir sind dieses Mal in einer größeren Hütte gemeinsam mit der Familie von Welliton untergebracht. Er ist gerade für 3 Jahre in die Direitoria von AWATAC, die die Aktivitäten der Wajapi koordiniert, gewählt worden, und er ist der Schwiegersohn von Wynamea. Seine Frau ist im achten Monat schwanger. Brunhild darf sie untersuchen, und es ist alles bestens. Sie will ihr Kind in Macapa zur Welt bringen. Das ist für sie durchaus ambivalent. Sie weiß, dass es hier schnell zu einem Kaiserschnitt kommen kann, was sie nicht will.
Wynamea ergänzt, dass ihre Frauen bei der Geburt oft schlecht behandelt werden, zum Teil, weil sie schlecht portugisisch sprechen, zum Teil wohl aus latentem Rassismus. Immerhin können die Männer bei der Geburt anwesend sein.
Am nächsten Morgen besuchen wir das Dorf Jawarary wo Wynameas Vater Pajari lebt. Er empfängt uns mit Pfeil und Bogen und Federschmuck. Wynamea erklärt ihm, wer wir sind, und was wir hier machen. Er bedankt sich für die Hilfe von POEMA. Er wird an dem Austausch mit den Yawanawa und dem Ayahuasca-Ritual teilnehmen. Ihm ist auch das Thema Frauengesundheit wichtig, und dass es dazu weiter Kurse geben soll. Am Abend sitzen wir vor der Hütte, die Kinder haben wir mit Pipoca (Popkorn) versorgt, und Brunhild fragt nach dem Ritual für Mädchen bei der ersten Menstruation. Dabei sind die Teilnehmerinnen fünf Tage isoliert in einer Hütte, sie müssen Prüfungen bestehen, die teilweise schmerzhaft sind, ihre Haare werden ganz kurz geschnitten, sie dürfen kein Fleisch in dieser Zeit essen und werden zum Abschluß in den Kreis der Frauen aufgenommen. Sie sind jetzt erwachsen, haben neu Pflichten und Verantwortungen und können sich verheiraten.
Für die Knaben gibt es ein ähnliches Ritual, bei dem sie einige Zeit alleine im Wald verbringen müssen. Auch um die Geburt gibt es etliche Regeln, die die Frau, das Kind, aber auch die Familie insgesamt schützen sollen. So müssen die Frauen und ihre Männer vor und nach der Geburt keine schweren Arbeiten verrichten. Es gibt die Regel, dass die Frauen harte Arbeit erst wieder machen müssen, wenn das Kind die ersten Zähne bekommt. Viele arbeiten aber schon vorher wieder auf dem Feld, das ist aber freiwillig. Bei unseren Gesprächen sitzen wir im Dunklen und hören gleichzeitig die Geräusche des Waldes. Wir sind beglückt von dieser besonderen Atmosphäre. Auch wir haben hier fest Rituale. So gehen wir immer morgens und abends zum Fluss und nehmen eine erfrischendes Bad. In MAriry war das etwas schwierig, weil es steil zum Ufer runterging und durch den Regen alles sehr rutschig war. In Takurueserenyny ist der Zugang zum Fluss leichter.
Wir bereiten abends immer eine einfache warme Mahlzeit zu (Reis und etwas Gemüse, Spagetti mit Tomatensosse, an der auch die anwesenden Wajapi teilhaben. Aber auch wir erhalten über den Tag verschiedene Arten von Bananen und Früchte, die wir nicht kennen und deren Namen wir meistens gleich wieder vergessen.
Heute früh mussten wir uns dann verabschieden. Wehmütig stiegen wir ins Boot, und passenderweise fing es an zu regnen. Jetzt sind wir in Aramira, wo wir von Joao, dem Koch, mit einem köstlichen Mahl empfangen wurden. Gerade ist der letzte Kurs abgereist, und es ist ganz ruhig hier. Er hat jetzt einen Ruhetag, dann kommt der nächste Kurs und noch einer, danach ist die große Wajapi-Versammlung mit über 200 Personen. Wir werden morgen zurück nach Macapa fahren. Wir haben dann noch zwei Tage um uns auf die Heimreise vorzubereiten. Am Mittwoch geht es dann über Belem, Lisboa und Frankfurt heim nach Tübingen.
Mariry, 12. Mai 2026
Gestern haben wir Waiwai in seinem Dorf besucht. Es war ein Fussmarsch von drei Stunden der es in sich hatte. Das erste Hindernis war ein Baumstamm über den kleinen Fluss direkt an unserer Hütte. Mit Hilfe von Pikuy gelang das ohne Absturz. Danach kam gleich die nächste Herausforderung, ein "Weg" mit knietiefem Schlamm. Also die Schuhe ausziehen und barfuss weiter. Teilweise wateten wir durch kleine Bachläufe, dann waren wieder provisporische Brücken zu überqueren. Es war anstrengend und wir kamen nur langsam voran.
Auf der Strecke waren fünf Dörfer, wobei in manchen nur ein oder zwei Familien leben. Es ging auf und ab, und die Mittagshitze machte uns zusätzlich zu schaffen. Immerhin wurde der Weg besser und der Schatten des Waldes milderte die Temperatur. Trotzdem floss reichlich Schweiss und wir mussten unseren Wasservorrat in den kleinen Bächen auffüllen. Waiwai trafen wir in seiner Hängematte an, er ist etwas erkältet, war aber gleich auf den Beinen. Er war sichtlich erfreut über unseren Besuch und erinnerte sich an Deutschland, insbesondere an den Besuch des Fernsehturms in Stuttgart. Trotz seines hohen Alters ist er immer noch sehr lebendig, war am erzählen und fragte immer wieder nach, wie dieses und jenes auf deutsch heißt.
Wir stärkten uns mit Orangen und Pupunha und mussten leider nach einer Stunde wieder aufbrechen um vor Einbruch der Dunkelheit zurück in Mariry zu sein. Die letzte Strecke durch den Schlamm forderte noch mal alle Kräfte, aber wir kamen heil an. Für die uns begleitenden Wajapi, die uns immer wieder auf dem Weg hilfreich zur Seite standen, war das ganze nur ein Spaziergang. Nach einem Bad und einer Suppe lagen wir glücklich in unseren Hängematten.
Heute dürfen wir ausruhen. Ich bin gerade in der Schule, wo der Sohn von Waiwai portugisisch und Mathematik unterrichtet. Unter den SchülerInnen sind auch einige Erwachsene. Die jungen Wajapi lernen zuerst lesen und schreiben in ihrer Sprache Wajapi. Portugisisch folgt dann, weil es für den Kontakt mit der weissen Welt notwendig ist. Mathematik ist für die Jugend kein Problem mehr.
In der ersten Ausbildung der AIS war das noch ein grosses Thema. Ursprünglich gab es bei den Wajapi nur wörter für Zahlen bis sieben, alles darüber war viel. Da sie nie Handel trieben brachten sie keine weiteren Zahlen, und sie hatten deshalb auch keine Übung im Rechnen. Winamea AIS-Veterano, erinnert sich noch an die vielen mühsamen Übungen um Dosierungen von Medikamenten zu berechnen. Heute ist das kein Prpblem mehr für ihn.
Mariry, 10. Mai 2026
Die Fahrt von Macapa ins Reservat verlief problemlos, auch wenn die Piste hinter Porto Grande, bis dahin ist die Straße für die Eukalyptusplantage asfaltiert, in einem durch die Regenzeit sehr schlechten Zustand ist. Wir hatten Glück, weil es nur kurz vor dem Reservat regnete. In Aramira, wo sich das Ausbildungszentrum der Wajapi befindet, wurden wir gleich in Beschlag genommen. Juliana, unsere Kontaktfrau bei unserer Partnerorganisation IEPE, Kumare, einer der älteren Kaziken, seine Frau Singhal, Wynamea, AIS Veterano und seine Frau Taresa wollten gleich mit uns über die weitere Unterstüzung durch POEMA sprechen. Leider ist das Thema Alkohol, bedidas do brancos (Getränke der Weissen), weiter ein großes Problem. Besonders entlang der Straße ins Reservat sieht man reichlich leere Bierdosen am Rande liegen. In den Dörfern hier ist es einfach an Alkohol aus der weißen Welt zu gelangen. Und es gibt keine Autorität, die das aktuell unterbinden könnte. Die Wajapi schlagen im Gespräch vor, weitere Informationskurse zu dem Thema zur Aufklärung abzuhalten. POEMA hatte das in den letzten Jahren schon finanziert. Daneben ist die Rückbesinnung auf ihre Tradition und die Nutzung der Medizin des Waldes wichtig. Sie haben gute Erfahrungen mit Ayuhaska-Zermonien, die sie mit Unterstützung eines Paje der Yawanawa aus Acre, erlernen.
Sie berichten, dass TeilnehmerInnen mit Alkoholproblemen danach keinen Alkohol mehr zu sich genommen haben. Im Oktober wird hier in Mariry ein weiteres Seminar mit einer Zermonie stattfinden. Vor der Covid-Pandemie hatte ein erster Workshop stattgefunden, bei dem es um das Wissen der Wajapi um traditionelle Medizin des Waldes ging. Das Thema soll jetzt wieder aufgegriffen werden. Sie wollen systematisch die Alten dazu befragen und dieses Wissen allen im Stamm zur Verfügung stellen.
Gestern früh sind wir dann bis ans Ende der Transpermetral Norte beim Dorf Jacare gefahren worden. Dort ging es aufs Boot. Nach knapp vier Stunden waren wir dann in Mariry. Unterwegs hat Wynamea noch einem Kind intravenös ein Medikament gegen Leismaniose verabreicht. Eigentlich fehlt ihm dazu die entsprechende Ausrüstung (Stauschlauch, Desinfektion etc.). Er hat zwar einen Vertrag als AIS, erhält aber keine Ausrüstung von der zuständigen Behörde DSEI (Distrio Sanitiario Especial Indigena). Formal dürfen AIS nur orale Medikamente verabreichen. Jenseits der wenigen Gesundheitsposten gibt es aber niemanden, der z.B. Injektionen übernehmen kann. Die AIS verfügen über das notwendige Wissen und wenden es auch an, auch wenn sie oft improvisieren müssen.

Pikuy hat uns schon erwartet und führt uns zu unserer Hütte, gleich oberhalb eines Baches, wo wir uns auch waschen können. Wir kennen ihn schon von unserem letzten Besuch hier vor neun Jahren. Seine Frau ist mittlerweile an Gebährmutterhalskrebs verstorben. Das war mit Anlass, das Thema Frauengesundheit aufzugreifen. Es gab dann mit Unterstützung von POEMA eine entsprechende Untersuchung (PAP) für alle Wajapi-Frauen. Er lebt jetzt hier mit seinen Kindern und Enkeln und ist rührend um uns und unser Wohlergehen bemüht. Stolz berichtet er, dass ein Sohn in Santarem in Ausbildung zum Anwalt ist.
Heute, nach der ersten wunderbar ruhigen Nacht hier mitten im Regenwald, fand in der Schule eine kleine Versammlung statt. Es ging wieder vor allem um das Thema Gesundheit. Sie berichteten wieder von der fehlenden Grundausrüstung der AIS. Und etliche aus dem ersten AIS-Kurs, die heißen hier AIS-Veterano, würden gerne die Ausbildung zu Tecnico de Enfermagem machen. Es gibt einige AIS, die diese Weiterbildung, sie dauert ein Jahr und neun Monate, schon auf eigene Faust und Kosten gemacht haben. Das setzt aber voraus, dass die Familie über die notwendigen Mittel verfügt.
Die haben nicht alle. Wynamea würde das gerne machen, aber ihm fehlt dazu das Geld. Er bräuchte knapp 2.000 Reales im Monat für Miete und Lebensmittel etc., wobei die Weiterbildung ein ziemlicher Kraftakt ist, allein schon deshalb, weil sie nur in der Stadt machbar ist. Den größten Raum in der Besprechung nimmt aber das Thema Frauengesundheit ein. Die allermeisten AIS sind Männer und die dürfen in ihrer Tradition andere Frauen nicht behandeln. Sie wollen deshalb unbedingt einen neuen AIS-Kurs nur für Frauen. Das wiederholen alle Teilnehmer, Männer, wie Frauen. Wir werden das gemeinsam mit Juliana überlegen, wie hier eine Lösung gefunden werden kann.
Wir brauchen immer ein bischen Zeit, bis wir mit den Gegebenheiten zurcht kommen, wo bekommen wir Wasser, wo können wir kochen, wie kommt man zur Wasch- und Badestelle. Dann wechselt hier Hitze mit Regen und schwülem Wetter, wir kommen kaum aus dem erfrischenden Bach und sind schon wieder verschwitzt. Aber die Wajapi sind so unglaublich freundlich, rücksichtsvoll und zugewandt, dass das alles sich gut ertragen lässt. Morgen sollen wir das Dorf von Waiwai besuchen. Wir wurden schon gewarnt, der Weg sei sehr schlammig,muito lama!
Macapa, 7. Mai 2026
Seit gestern sind wir direkt am Amazonas in der Hauptstadt des Bundesstaates Amapa, in Macapa. Heute war quasi Ruhetag, denn morgen früh werden wir zu unserer letzten Etappe ins Reservat der Wajapin starten. Macapa war bei unseren ersten Besuchen vor über 20 Jahren noch ein ziemlich verschlafenes Nest. Es hat sich dem Augenschein nach mittlerweile verdreifacht. Jetzt ist weiteres Wachstum zu erwarten, weil in der Amazonasmündung größere Erdölvorkommen entdeckt wurden. Die sollen jetzt erschlossen werden, das Thema Erderwärmung spielt da wo Profite möglich sind keine große Rolle.
Leider gibt es unsere bisherige Unterkunft, die Posada Equinox, nicht mehr. Wir hatten uns da immer sehr wohl gefühlt, es war eine kleine Oase mit Familienanschluß. Das Hotel Riomar, wo wir jetzt untergekommen sind, ist dagegen neumodisch steril. Wir sind gespannt auf die Begegnungen bei den Wajapi. Wir werden voraussichtlich das Dorf Mariry besuchen, wir waren dort vor der Corona-Pandemie das letzt Mal. Vielleicht treffen wir dort auch Waiwai, den mittlerweile sehr alten Kaziken. Begleiten wird uns wohl Winamea, einer aus der AIS-Ausbildung (Agente Indigena de Saude).
Belem, 4. Mai 2026
Den 1. Mai haben wir hier in Belem verbracht. Allerdings waren die Kundgebungen und die Demos etwas bescheiden. Das hängt auch damit zusammen, dass quasi jede politische Gruppierung und auch jede Gewerkschaft ihre eigenen Veranstaltungen machen. Das hat uns Jane, die Verantwortliche des MST für den Bundesstaat Para erklärt. Wir haben sie getroffen um über die weitere Unterstützung für die Landlosen zu sprechen. Ihr Vorschlag ist, die agroökologische Schule im Assentamento noch weiter auszubauen. Sie brauchen noch einen größeren Saal um auch mit größeren Gruppen arbeiten zu können und dazu auch Schlaf- und Sanitärräume. Sie wollen uns demnächst dazu einen konkreten Vorschlag mit der Bitte um Unterstützung unterbreiten.
Wir kommen heute abend gerade aus Cameta zurück, wohin wir gestern mit Bus und Fähre gereist sind. Rund fünf Stunden dauert die Fahrt von Belem. Sie endet am Rio Tocantins, einem der großen Flüsse, der auch einem Bundesstaat seinen Namen gegeben hat. Cameta erreicht man dann nach einer halbstümdigen Bootsfahrt auf der anderen Flussseite. Wir verbrachten einen wunderschönen Abend am Ufer des Tocantins mit Bier und Tataca, einer einheimschen Suppe mit Camarao. Heute morgen war dann das Treffen im Haus des Bischofs. Die letzten Jahre war hier Jaime unser Ansprechpartner für die Wiederaufforstungsprojekte in einigen Dörfern entlang der Straße nach Tucurui. Jaime arbeitet jetzt als Lehrer auf dem Land und so trafen wir heute Jenilson, der die Fortführung der Projekte übernimmt. Er ist Administrator der Diözese, macht einen sehr sympatischen Eindruck und hat auch schon einen konkreten Vorschlag für das nächste Wiederaufforstungsprojekt. Das Dorf heißt Pau das Roses, und es leben dort rund 25 Familien unter sehr einfachen Bedingungen. Jenilson wird auch weiter von der Agrartechnikerin Nilma unterstützt, die bereits die letzten Projekte fachlich betreut hat. Ein Besuch des Dorfes war bei dieser Reise wegen der knappen Zeit, aber auch wegen der Unbefahrbarkeit der Straße durch den vielen Regen in den letzten Tagen nicht möglich. Wir werden das aber bei der nächsten Reise nachholen
Belem, 29. April 2026
Wir sind wieder zurück in Belem. Heute vormittag besuchten wir noch eine Vormaimanifestation im Zentrum von Altamira. Es war nur ein Häuflein Unverzagter, die sich in der Hauptgeschäftsstraße vor einer "Loja Americana" versammelte, einige Vertreter der Lehrergewerkschaft,Vertreterinnen der farbigen Frauenbewegung, ein paar Umweltschützer. Es war ein eher traurige Truppe, die mit Verstärker und Mikrofon die werktätige Bevölkerung für eine kämpferischen 1. Mai einstimmen wollte. Weil kaum jemand stehen blieb um zuzuhören, marschierte die Gruppe einige hundert Meter vor eine Bank, wo in langen Schlangen Menschen auf den Zutritt zu den Geldautomaten warteten, um ihre "Bolsa Familia", die staatliche Unterstützung für bedürftige Familien, abzuheben. Altamira scheint kein Zentrum der Gewerkschaftsbewegung zu sein, und wir hoffen, dass der Widerstand gegen Belo Sun mehr Menschen mobilisiert.
Wir waren zum Abschluss unseres Aufenhaltes noch zum Fischessen im Büro von Xingu Vivo eingeladen. Es gab Tambaqui gegrillt, sehr lecker, mit Reis und Salat. Der Fisch ist eigentlich typisch für den Xingu, aber durch den Staudamm eher eine Rarität geworden. Am Essen nahmen außer Ana, Elena und Luis auch noch Lekaraty und Zoe von der Bewegung indigener Frauen gegen Belo Sun teil. Ana berichtete von einer Videokonferenz gestern Abend mit Führern der Kajapo. Sie haben die Frauenbewegung und Xingu Vivo eingeladen bei einem Besuch von Präsident Lula, anläßlich der Einweihung einer Fähre in ihrem Gebiet, teilzunehmen und ihren Protest und ihre Forderungen dem Präsidenten vorzutragen. Ein Akt indigener Solidarität. Wir werden mit vielen Umarmungen verabschiedet. Lekaraty lädt uns für unseren Besuch im nächsten Jahr in ihr Xikrin-Dorf ein.
Altamira, 29. April 2026
Mit Ana, Luis und Elena haben wir heute noch einmal die Situation um Belo Sun erörtert. Die bisherige Genehmigung des Projektes umfasst ausschließlich Infrastrukturmaßnahmen, wie den Bau von Zufahrtsstraßen, Verwaltungsgebäuden und Ähnliches mehr. Diese Genehmigung ist aus dem Jahr 2017 und wurde aufgehoben und erst zu Beginn diesen Jahres wieder in Kraft gesetzt. Die Gegner von Belo Sun gehen gegen diese erneute Freigabe dieser Genehmigung juristisch vor, mit dem Argument, dass die damaligen Anhörungen von einer privaten Firma durchgeführt wurden und nicht alle Betroffenen einbezog, insbesondere die Indigenen. Eine Genehmigung für den Betrieb einer Mine wurde bisher nicht erteilt. Ana und Luis sehen die große Gefahr, dass Belo Sun mit vielen kleinen Schritten ihrem Ziel näher kommen könnten. Die juristische Situation ist sehr komplex.
In diesem Kontext sind auch die Präsidentschaftswahlen im Oktober wichtig. Sollten die Bolsonaristen gewinnen wird es ganz schwierig die Goldmine zu verhindern. Zwar stellt sich die Regierung Lula auch nicht gegen das Projekt, aber sie wird sich an gerichtliche Entscheidungen halten. Das wird im Falle einer Bolsonaroregierung , sein Sohn ist leider aussichtsreicher Kandidat, nicht so sein. Unsere Freunde von Xingu Vivo sehen sich in der Funktion das Netzwerk des Widerstandes mitzuorganisieren. Letzte Woche führten sie ein Treffen mit VertreterInnen relevanter sozialer Gruppen der Stadt Altamira durch. Auch hier kam viel Unterstützung gegen die Ansiedlung von Belo Sun. Die Aktivitäten der indigenen Frauen sind ja noch neu, und sie brauchen Schulungen über die politischen Hintergründe und wie man den Widerstand erfolgreich gestalten kann. Für diese Aktivitäten bitten sie um weitere Unterstützung, sie selbst, genauso wie die Indigenen, die Kleinbauern verfügen über keine finanziellen Mittel. Belo Sun hat unerschöpfliche Ressourcen und dazu die Unterstützung durch die Mehrheit der politischen Kaste Brasiliens. Trotzdem hält Xingu Vivo es für möglich, sogar für wahrscheinlich, dass Belo Sun verhindert werden kann.
Altamira, 28. April 2026
Heute waren wir mit Lekaraty Xikrin und Ana im dem Gebiet, in dem die Mine Belo Sun entstehen soll. Lekaraty ist eine der Anführerinnen der indigenen Frauen bei den Protestaktionen in den letzten Wochen gegen Belo Sun. Ihr Dorf war ursprünglich in der Volta Grande des Rio Xingo. Durch den Bau des Staudamms Belo Monte wurde ihre Lebensgrundlage dort zerstört. Sie mussten das Gebiet verlassen, weil es nicht mehr genug Wasser gibt, der Fischfang für die Ernährung nicht mehr ausreicht und die Felder verdorrten und jagbare Tiere eingingen oder verschwanden. Sie leben jetzt in der Nähe von Anapu. Ihre Erfahrungen mit Belo Monte, wo ihnen viel versprochen wurde und sie letztendlich mit den gravierenden Problemen alleine gelassen wurden, führte mit zum jetzigen Engagement gegen die Goldmine. Sie hat sich schon immer für ihre Gemeinschaft engagiert und mit Frauengruppen gearbeitet, bislang aber nur innerhalb der Xikrin. Wie bei vielen Indigenen sind es auch bei den Xikrin die Männer, die den Stamm nach außen vertreten. Die Frauen blieben bislang eher im Hintergrund. Dass es jetzt die Frauen sind, die den Kampf gegen Belo Sun anführen, erklärt sie damit, dass es die Frauen seien, die am meisten unter den Auswirkungen dieser Mamutprojekte zu leiden haben.Sie sind unmittelbar betroffen, wenn es keine Lebensmittel gibt und wenn das verschmutzte Wasser die Kinder krank macht. "Wir verkaufen unsere Flüsse und unseren Wald nicht. Ich kämpfe nicht für mich, sondern für die Generation nach uns, für meine Kinder und für meine Enkel." Und,so erklärt sie uns: "Jeder Baum im Wald ist wie ein Bruder und eine Schwester, die Früchte, die auf die Erde fallen, sind unsere Kinder, die Samen unsere Enkel. Der Fluß ist unser Blut. Wenn wir den Wald nicht schützen sterben unser Früchte und unsere Samen. Wenn wir den Fluss nicht rein halten ist unser Blut vergiftet."
Wir haben den Tag mit ihr sehr genossen, weil sie trotz des großen Unrechts, dass ihr und ihrem Volk angetan wird, sie große Lebensfreude ausstrahlt und wir immer wieder von ihrem Lachen angesteckt wurden.
In dem Gebiet, das Belo Sun beansprucht, haben wir mehre Familien besucht, die POEMA bei ihrer zwei Jahre dauernden Besetzung unterstütz hat. Sie haben mittlerweile offiziell hier Land erhalten. POEMA hat ihnen dafür Pflanzen und Werkzeug aus Spendenmittel finanziert. Jetzt tragen ihre Felder Früchte und sie können sogar in bescheidenem Umfang diese im nächsten Ort verkaufen. Allerdings werden auch sie von Belo Sun bedroht. Sie werden regelmäßig von Sicherheitsdienst von Belo Sun aufgesucht, mit Drohnen überwacht, und wenn sie nicht vor Ort sind gibt es Vorfälle von Vandalissmus. Die Botschaft ist eindeutig, verschwindet hier. Juan Baptista, Jose Antonio, Francisco und Hubama, alle sind Kleinbauer hier und waren schon bei der Besetzung dabei, wollen sich nicht einschüchtern lassen. Alle bedanken sich für die Unterstützung durch POEMA. Sie wollen hier auf ihrem Land bleiben, sie wollen für ihre Rechte kämpfen. Lecarati ist zum ersten Mal hier und im Kontakt mit den Bewohnern. Die Kleinbauern kennen sie von den Aktionen der indigenen Frauen aus dem TV. Sie sind sich mit ihr einig, sie führen beide, Indigene und Kleinbauern, den gleichen Kampf. Die Goldmine Belo Sun darf nicht gebaut werden. Sie würde den Wald, den Fluß, die Natur und ihr Leben zerstören.
Altamira, 28. April 2026
Gestern Abend fand noch ein Treffen mit VertreterInnen von vier indigenen Ethnien,die die Aktionen gegen das Minenprojekt Belo Sun in den letzten Monaten organisiert und durchgeführt haben,statt. Zoe von den Juruna, Lecaraty von den Xikrin, Mokuka und Txja von den Xipaya und Katapury und seine Frau Prepty von den Xikrin saßen mit uns am Tisch und berichteten über ihre Aktionen gegen die geplante Goldmine Belo Sun. Die erste Besetzung war im Dezember und betraf das Büro der FUNAI, der so genannten "Indigenenschutzbehörde", und es waren fünfzig Frauen dieser Völker beteilgt. Sie wollten, dass die Funai ihre Interessen vertritt, was eigentlichauch ihre Aufgabe ist. Es passierte nichts, und so wurde die Aktion im Februar und März über 40 Tage fortgesetzt. Am Ende wurde dann auch der Flughafen von Altamira blockiert. Es ist neu, dass indigene Frauen in der fordersten Linie solcher Auseinandersetzungen stehen. Aber sie leiden am meisten im Alltag unter solchen Großprojekten. Sie berichten alle über ihre Erfahrungen mit dem Staudammprojekt Belo Monte. Belo Monte hat für sie die Auswirkung, dass die Flüsse, an denen sie leben, austrocknen, dass die Fische als Nahrungsmittel fehlen, dass ihre Felder unter der Trockenheit verdorren un dass ihre traditionellen Transportwege, die Flüsse, nicht mehr befahrbar sind. Sie befürchten, dass mit dem Minenprojekt die Natur und damit ihre Lebensgrundlage weiter zerstört wird. Deshalb kämpfen sie dafür, dass dieses Projekt Belo Sun nicht verwirklicht wird. Sie haben sich alle bei POEMA für die Hilfe währen der Besetzungsaktionen bedankt. Sie hoffen auf weitere Unterstützung, denn sie wissen diese Auseinandersetzung wird noch lange dauern und sie planen weiter Aktionen.
Altamira, 27. April 2026
Wir sind seit gestern am Xingu. Heute morgen trafen wir uns im Büro von Xingu Vivo mit Elena, Ana, Josepha und Luis. POEMA unterstützt seit über 20 Jahren die Bewegung Xingu Vivo. Antonia Melo, die Gründerin hat viele Jahre gegen das Mamutprojekt Belo Monte gekämpft. Heute ist sie gesundheitsbedingt etwas im Hintergrund, aber immer noch aktiv. Sie ist mit dem Flieger, mit dem wir ankamen, nach Belem zum Gesundheitscheck geflogen. Der Vormittag war ausgefüllt mit Informationen zur aktuellen Situation hier in Altamira. Es gibt zwei Schwerpunktthemen: Immer noch Belo Monte, der Staudamm und seine Folgen, und Belo Sun, das geplante Minenprojekt. Von Anfang an wurde von Gegnern des Staudammprojektes darauf hingewiesen, dass es für die Dimension des Kraftwerkes nicht genügen Wasser gibt. Deshalb streitet die Betreiberfirma Electro Norte mit den Betroffenen hier seit Inbetriebnahme wieviel Wasser zum Staudamm geleitet wird und wieviele in den Umgehungskreislauf fliesst, der für den Erhalt der Fischpopulation überlebenswichtig ist. Uns wurden Bilder gezeigt, auf denen große Mengen Fischlaich im Trockenen liegen, weil eben zu wenig Wasser in den Umgehungskreislauf geleitet wurden. Das ist einer der Gründe, warum der Fischbestand massiv abgenommen hat. Die Wasserknappheit wirkt sich auch dramatisch auf die Bewohner Altamiras aus. In fünf Stadtteilen gibt es kein fließendes Wasser, die Versorgung erfolgt mit Tankwagen. Davon betroffen sind ein Drittel der Einwohner, die dagegen auch immer wieder protestieren. Aber es sind bis heute immer noch viele Umweltauflagen, die mit der Genehmigung des Betriebes festgelegt wurden, nicht erfüllt.
Assentamento Abril Vermelho, 24. April 2026
Padre Paulinho ist einfach ein freundlicher Mensch. Er hat uns gestern früh im Hotel abgeholt und mit seinem Polo in Assentamento Abril Vermelho gefahren. Die Siedlung liegt rund 50 Kilometer von Belem in der Nähe von Mosquero, nahe am Meer. Ursprünglich war hier eine große Plantage von Dendee-Palmen zur Ölproduktion in Monokultur. Etwa die Hälfte diese Gebietes wurde 2004 von den Aktivisten der Landlosenbewegung MST (movimento sin tera) besetzt. Die Besetzung erfolgte vor dem Hintergrund, dass diese Firma sich das Land unrechtmäßig angeeignet hatte. Es folgten jahrelange zum Teil gewaltätige Auseinandersetzungen bis vor fünf, sechs Jahren die Besetzung legalisiert und anerkannt wurde. Seither gibt es auch keine Übergriffe und Bedrohungen mehr. Dreihundert Familien erhielten je 20 Hektar Land, wobei sie jeweils nur 5 Hektar bewirtschaften. Mittlerweile sind es 470 Familien und fast 2000 Personen. Es gibt eine eigene Schule und eine Gesundheitsstation, und seit letztem Jahr, mit Unterstützung von POEMA, eine Schule für Agroökologie. Hier werden Erwachsene und Kinder mit ökologischer Landwirtschaft in Theorie und vor allem in der Praxis vertraut gemacht.
Die Schule besteht aus einem größeren Gebäude mit Versammlungsraum, Küche und sanitären Einrichtungen und Übernachtungsmöglichkeiten. Daran anschließend ist ein großer Garten und ein Gewächshaus um Setzlinge zu produzieren. Wir wurden von etlichen Bewohnern freundlichst empfangen, es wurde uns alles gezeigt und erklärt. Die finanzielle Hilfe von POEMA, so wurde immer wieder betont, war entscheidend für die Entstehung der Fortbildungsstätte, aber das Gebäude selbst wurde von den Bewohnern in Eigenarbeit errichtet. Während der COP30 waren viele Gruppen von internationalen Gästenhier und bestaunten die Einrichtung, viele waren auch hier untergebracht.
Wir übernachteten im Haus von Valeria und Filho, einem kleinen Paradies umgeben von Palmen, Papajabäum, Asaipalmen, Hühnern und Enten und einem Fischteich. Heute Vormittag besuchten wir Dona Neta auf ihrem Land, wo sie einen Kräutergarten betreibt und Setzlinge für die Bewohner der Assentamento zieht. Sie ist ein Orginal, 73 Jahre alt und geistig und körperlich jung geblieben. Sie führt uns durch den Garten, erklärt jede Pflanze, läßt uns riechen und fragt, ob wir das in Deutschland auch kennen. Sie leitet eine Frauengruppe, die den Garten betreuen, ist in vielen Aktivitäten eingebunden und hat ein großes Wissen über Heilkräuter. Und sie ist überzeugte Aktivistin des MST. Wir werden sie und andere Bewohner am 1. Mai bei der Maimanifestation und einem in Belem stattfindenden großen Markt, wo sie ihre Produkte verkaufen, wiedersehen. Mit vielen Eindrücken und Informationen fahren wir mit Valeria im strömenden Regen nach Belem zurück.
Belem, 23. April 2026
Gestern Abend waren wir an die Universität von Para hier in Belem eingeladen. Jonas ist hier Professor, wir kennen ihn über seine Schwester Marilha, die auch Mitglied bei POEMA ist und in Stutgart lebt. Jonas hat auch mehrere Jahre in Dortmung gelebt. Er muss einmal im Jahr eine Vorlesung in Geographie machen,sein Gebiet ist eigentlich klinische Psychologie und Kultur. Zu dieser "Deutschstunde" hat er uns eingeladen. Fünfundzwanzig StudentInnen durften Fragen an uns stellen und wir konnten die Arbeit von POEMA vorstellen. "Wie unterscheidet sich Belem von Tübingen" war eine der Fragen. "Warum hat euer Kanzler hier bei der COP30 Belem beleidigt und war das Thema in Deutschland?" "Wart ihr schockiert bei eurem ersten Besuch bei Indigenen hier? Warum macht ihr diese Arbeit?" Die zwei Stunden waren schnell vorbei, und wir hatten den Eindruck, dass es für die Studenten interessanter war, als eine theoretische Vorlesung. War haben es auch genossen. Zum Schluß wollten sie noch jede Menge Selfies mit uns machen.
Belem, 22. April 2026
Die letzten beiden Tage waren wir mit Wäschewaschen und Erholung beschäftigt. Gestern war hier Nationalfeiertag, der dem Nationalhelden Tiradentes gewidmet ist. Er kämpfte für die Unabhängigkeit Brasiliens vom Königtum Portugals und gegen die Sklaverei, und wurde dafür 1792 gehängt. Deshalb hatten außer dem großen Einkaufszentrum alles geschlossen und wir bekamen nachmittags nirgends einen Cafe.
Heute waren wir im Büro der CIMI, der sogenannten Indigenenmission der katholischen Kirche. In der Vergangenheit hat die katholische Kirche auch auf übelste Weise bei Indigenen missioniert. Das ist zumindest seit dem Ende der Miltärdiktatur nicht mehr so. Die CIMI respektiert die indigenen Kulturen und unterstützt indigene Gemeinschaften in vieler Hinsicht , insbesondere bei den vielen Landkonflikten. Sie sind bestens mit den gesetzlichen Gegebenheiten vertraut und arbeiten mit diversen Menschenrechtsorganisationen zusammen.Paulo, Claudia-Lucy und Ahrodu gaben uns einen Überblick über die Arbeit der acht regionalen Betreungsgruppen, die für die Bundesstaaten Para und Amapa zuständig sind. Unter anderem erstellen sie einen jährlichen Bericht über alle Menschenrechtsverletzungen und gewalttätigen Übergriffe auf Indigene in Brasilien. Sie erhalten keinerlei staatliche Mittel und wurden in der Vergangenheit vor allem von Misereor, Adveniat und Caritas finanziert, wobei Misereor aus der Finanzierung ausgestiegen ist und insgesammt die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel drastisch abgenommen haben. Sie können deshalb vielen Anfragen auf Unterstützhung von indigenen Gemeinschaft nicht mehr nachkommen. Wir haben veeinbart, dass sie POEMA ein Projekt vorschlagen werden, so dass wir zukünfig auch mit der CIMI zusammenarbeiten werden
Santa Teresa, 19. April 2026
Die Nacht in Kyraruyrenda verlief ruhig, nur dass diese kleinen Blutsauger sich auch von den Moskitnetzen nicht abhalten lassen und uns übel zugerichtet haben. Am Vormittag gibt es eine kleine Versammlung. Itahu berichtet von den aktuellen Konflikten. Goldgräber und Holzräuber sind akutell das kleinere Problem. Es gibt Pläne innerhalb des Gebiets der Kaapor eine Mine zum Abbau verschiedener Mineralien, die hier vorkommen sollen, zu errichten. Beteiligt ist unter anderem Vale, das größte Bergbauunternehmen Brasiliens. Das ist alles noch in einem sehr frühen Planungsstadium, für die Kaapor aber sehr bedrohlich. Das andere sehr aktuelle Thema ist der Handel mit CO2-Zertifikaten. Eine amerikanische Firma will das bei den Kaapor realisieren. Der größte Teil der Kaapor lehnt das kategorisch ab. Es gibt aber ein Gruppe, die Interesse an diesem Deal hat. Es besteht die Gefahr einer Spaltung mit entsprechend negativen Auswirkungen. Sie haben große Sorgen was den Erhalt ihrer Kultur betrifft, die im bisherigen Kontakt mit der weißen Welt schon sehr gelitten hat. Wir verlassen das Dorf am frühen Vormittag, weil wir noch ein weiters besuchen müssen.
Es wurde erst jetzt als neues "Wehrdorf" gegründet. Wir treffen die drei Familien, die dort jetzt wohnen, an der Reservatsgrenze. Auch sie erhalten Lebensmittel, die wir zuvor in Novo Olinda gekauft haben. wir können sie nicht in ihr Dorf begleiten, weil es dort für uns keine regensicher Übernachtungsmöglichkeit gibt. Außerdem wäre es ein Fußmarsch von über sechs Kilmeter.
So übernachten wir wieder in Santa Teresa bei den La Salles. Heute morgen brechen wir für einen kurzen Besuch ins Dorf von Itahu, Murutuyrenda, auf um auch dort Lebensmittel vorbeizubringen. Auf dem Weg dorthin kommen wir auch durch den Ort Centro do Guilherme. Itahu erzählt, dass er hier schon mehrmals bedroht wurde und sich hier nicht alleine aufhalten soll. Itahu wird morgen nach Belem fahren, das Auto zurückbringen und dann zu einer Anhörung mit dem Anwalt der Kaapor nach Brasilia reisen. Wir werden ihn am kommenden Samstag noch einmal in Belem treffen und er wird uns darüber berichten.
Wir verlassen heute das Gebiet der Kaapor, werden aber auch erst am Montag in Belem ankommen, weil wir hier in Santa Teresa erst nachmittags aufbrechen können.
Kyraruyrenda, 17. April 2026
Wir werden die nächsten Tage mit einem geländegängigem Wagen unterwegs sein, den Itahu gemietet hat. Mit einem normalen PKW sind die meisten Dörfer der Kaapor nicht erreichbar. Ursprünglich wollten die Kaapor gestern Vormittag die Bundesstraße BR010 blockieren, um auf ihre mangelhafte Gesundheitsversorgung und die Probleme im schulischen Bereich, sowie die Bedrohung ihres Gebietes Holzräuber, Goldsucher und Bergbaubetriebe aufmerksam zu machen. Deshalb hatten sie etliche Kaapor aus verschiedenen Dörfern mit dem geliehenen Wagen zusammengeholt. Leider fiehl diese Aktion im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Es regnete den ganzen Vormittag so stark, dass eine Blockade nicht möglich war. Wir starteten mit einem größeren Einkauf von Lebensmitteln, weil die neuen Dörfer an der Reservatsgrenze sich noch nicht selber versorgen können. Sie wurden in den letzten Jahren neu gegründet um das Reservat besser vor unerwünschten Eindringlingen zu schützen. Tatsächlich fanden dort wo diese "areas de protecao" gegründet wurden keine illegalen Eintritte mehr statt. Zuerst besuchten wir Patuayrenda, ein Ort wo nur zwei Familien leben. Dort gibt es Probleme mit der Wasserverorgung, die Solarpumpe ist defekt und muss repariert werden.
Zwischen den meisten dieser Dörfer an der Reservatsgrenze gibt es keine Querverbindung, obwohl sie oft nur etliche Kilometer entfernt sind. So muss man jedesmal über Pisten zur Bundesstraße zurück, um erneut kilometerweit in Richtung Reservatsgrenzen und dem dort beginnenden Regenwald zu fahren. Insbesondere jetzt in der Regenzeit eine gewisse Herausforderung, aber Itahu ist ein sehr guter und besonnener Fahrer. Nachmittags erreichen wir Kyraruyrenda, das Dorf von Janejashi, der auch Mitglied des tuxa ta pame, des Rates der Kaapo ist. Wir waren hier auch schon vor drei Jahren als das Dorf gerade neu errichtet wurde. Hier wohnen fünf Familien, etwa 15 Erwachsene und rund 20 Kinder. Es gibt eine Schule für die jüngeren Kinder mit einem Kaapor-Lehrer. Die Ausstattung der Schule ist sehr bescheiden. Der Brunnen, den POEMA finanziert hat funktioniert, im ersten Anlauf musste die Bohrung wegen eines Felsens im Untergrund abgebrochen werden. Auf ihrem Feld bauen sie vor allem Manjok, Mais, aber auch Ananas, Papaja, Bananen, Avocados, Orangen und Kokos an.
In bescheidenem Umfang haben sie über ein Solarpanel auch Licht und über ein Funkgerät auch Kontakt in die Welt. Die Häuser sind stabil und vor allem regensicher. Wir werden freundlich begrüßt, leider auch ganz heftig von kleinsten Blutsaugern, die uns massiv attackieren.
Santa Teresa, 16. April 2026
Padre Paulinho war pünktlich um 7 Uhr an unserem Hotel. Er hat viele Jahre bei der Landpastoralen gearbeitet, und dort bei Landkonflikten Kleinbauern und Indigene unterstützt. Er ist überzeugter Vertreter der Befreiungstheologie und hat uns schon einige Male zu den Kaapor begleitet. Jose, eigentlich unsere Kontaktperson zu den Kaapor kommt nicht mit, er muss sich um seine Mutter kümmern. Es ist etwas unklar, was uns jetzt in Maranhao bei den Kaapor erwartet. Wir fahren mit Paulinhos Polo aus Belem heraus über die neue Avenida de Liberador, die extra für die COP30 gebaut wurde. Dabei wurde der letzte Regenwald nahe Belem geteilt und größtenteils zerstört. Auf dieser Strecke von rund 30 Kilometern wurden aber, quasi als Alibi, ein Dutzend "Tierbrücken" angelegt (siehe Foto), die, wenn überhaupt, vielleicht von Ameisen genutzt werden können. Es gab dann noch eine kleine Verwirrung, wir wollten nach Santa Teresa, wo die Kaapor ein kleines Haus gemietet habe. Wir waren dort auch schon mehrmals, hatten aber nicht mehr in Erinnerung, dass der Ort offiziell in Presidente Medici (ein rechter Politiker) umgtauft wurde. Wir kamen dann aber kurz vor Einbruch der Dunkelheit an, traffen Itahu an, den Caziken der Kaapor.Er wird uns die nächsten Tage begleiten. Wir übernachten in der Landwirtschaftsschule, die von der Bruderschaft La Salle betrieben wird und wurden aufs Freundlichste willkommen geheißen.
Belem, 15. April 2026
Wir sind gestern Nacht nach einer 20 stündigen Reise in Belem, der Stadt im Amazonasmündungsdelta angekommen. Wir werden in den nächsten Wochen die aktuellen Projekte von POEMA besuchen. Morgen früh wollen wir nach Maranhao aufbrechen um die Kaapor zu besuchen. Im Moment ist noch nicht sicher, ob das klappen wird. Wir warten noch auf die Rückmeldung von Jose, der den Besuch bei den Kaapor organisieren soll. Seine über 90-jährige Mutter hatte heute einen Unfall, und er muss sich um sie kümmern. Jetzt hoffen wir, dass wir trotzdem morgen aufbrechen können.
Auf dem Bild sitzt Brunhild in ihrem Lieblingscafe, gleich um die Ecke unserer Unterkunft in der Nähe der Praça da República.