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Armut und Umwelt in Amazonien

Reisebericht November/Dezember 2019

Von Gerd Rathgeb und Johann Graf

12. Dezember, Macapa

WIR SIND DRAN!

Unser letzter Tag hier in Amazonien ist angebrochen. Gestern waren wir noch mal im Casai, dem Haus für indigene Kranke hier in Macapa und haben Pikuí und seine Frau Arawani besucht. Sie hat Gebärmutterkrebs. und da letzte Woche die Schwägerin von Wynamea, dem AIS, der uns im Reservat begleitet hat, genau daran verstorben ist, hat sie verständlicherweise große Angst. Die Beiden haben uns so großzügig ihre Hütten in Mariry zur Verfügung gestellt. Wir können ihnen nur wenig Trost zusprechen. Das insufiziente Gesundheitswesen hier bedeutet für sie langes Warten auf eine Behandlung, die eher keine Aussicht auf einen guten Umgang mit einer schwierigen Diagnose mit sich bringt. Wir treffen auch Muru und seine Frau, die seit Jahren immer wieder unklare generalisierte Schmerzen hat. Auch sie warten auf Behandlung. Muru sagt, sie haben kein Geld, und wer kein Geld hat wird nicht behandelt.Wir sind trotz alldem noch sehr erfüllt von den Tagen im Regenwald und von den intensiven Begegnungen mit den Wajapi.

Am Ende der Reise bleibt die Frage, was Bestand hat und vielleicht auch, wo es Hoffnung gibt vor dem Hintergrund einer Regierung, die den Regenwald zerstört, die die Lebensgrundlage der Indigenen bereit ist der Profitgier zu opfern und die die Menschenrechte mit Füssen tritt. Es sind die Menschen von Xingu Vivo, die hartnäckig gegen die negativen Auswirkungen des Megastaudamms Belo Monte kämpfen und sich nicht unterkriegen lassen; es sind die Waldschützer bei den Kaapor die ihren Wald gegen die Madereiros verteidigen; es sind die freudlichen und sanften Zoe, die um ihr überleben kämpfen; es ist der kleine Bischof von Cameta, der uns die Amazonas-Synode vorgestellt hat, mit der er praktische Schritte zum Erhalt des Amzoasregenwaldes und der Kulter seiner Bewohner angehen will; und es sind die Wajapi, die ihre Heimat und ihre Kultur mit allem was ihnen zur Verfügung steht gegen Minengesellschaften und sonstige Profitinteressen verteidigen wollen. Das alles gibt uns trotz der schwierigen Umstände Hoffnung und Zuversicht. Es liegt aber auch an uns diese Menschen zu unterstützen. Nicht nur, weil wir in der westlichen Welt schon immer und immer noch von der Ausbeutung hier profitieren. Wenn der Amzonasregenwald zerstört wird, wird auch unsere Lebensgrundlage zerstört.Deshalb, im Sinne des neuen Buches von Ernst Ulrich Weizäcker: WIR SIND DRAN!

10. Dezember, Aramira

Abschied von den Wajapi

Von Mariry aus mussten wir ein ganzes Stück mit unserem Gepäck durch den Wald laufen. Ein größerer Baum war i den Fluss gekippt und die Wajapi hatten unser Boot schon weiter flussaufwärts gebracht um dieses Hindernis zu umgehen. Wir waren froh, als wir endlich im Boot saßen. Durch die Regenfäller der letzten Tage war es leichter mit dem Boot. In Jakare, wo die perimetral norte endet mussten wir einige Studen warten bis wir abgeholt wurden. Bei der Ankunft in Aramira trafen wir eine große Gruppe Wajapi.

Es finden hier gerade drei verschiedene Veranstaltungen statt, eine Weiterbildung für Wajapilehrer, der Abschlusskurs einer schulischen Ausbildung mit der indigene die Hochschulreife erreichen, sie dauerte über zehn Jahre, und eine Art Interview mit älteren Wajapi über urspüngliche Gebräuche, Legenden, Lieder und die Veränderung der Lebensweise in den letzten Jahren. Gestern haben wir vor allem an der letzt genannten Veranstaltung teilgenommen. Matapi und Porá, eine alte Wajapidame aus dem Dorf Ituasu erzählten und Aikiry übersetzte und erklärte. Obwohl wir nicht alles verstehen konnten war es hoch spannend und begleitet von einer sehr angenehmen konzentrierten, fast meditativen Atmosphäre. Matapi sang zwischendurch immer wieder Lieder, die bei Festen der Wajapi von allen gesungen wurden. Heute, quasi jetzt gleich, kehren wir nach Macapa zurück. Wir müssen noch einige organisatorische Dinge regel, ein paar Einkäufe tätigen um am Freitag dann über Belem wieder nach Deutschland zurückzukehren.

8. Dezember, Mariry

Mariry

Gestern war nocheinmal eine Besprechung mit den AIS, weil weitere Wajapi von der Grenze in Mariry ankamen. Die AIS berichten, dass es in den Dörfern an der Grenze nur einen einzigen Fall von Malaria gab. Ansonsten sind Grippe und Durchfallerkrankungen die Krankheiten, die sie behandeln müssen, mit denen sie aber gut zurecht kommen. Sie beklagen, dass ihre Ausrüstung unzureichend ist. Es fehlt Verbandsmaterial, Medikamente und Behälter in denen sie dieses Material regenwaldsicher aufbewahren können. Von den Solarlampen funktionier leider auch keine mehr. Immerhin waren sie teilweise über drei Jahre im Einsatz. Sie wünschen sich natürlich entsprechenden Ersatz.

Die AIS novo wünschen sich vor allem, dass sie möglichst bald ihre Ausbildung beenden können und ihre Diplome erhalte. Viel fehlt dazu nicht mehr. Allerdings ist das Anerkennungsverfahren ziemlich bürokratisch und aufwendig. Was an Vorbereitungskursen noch notwendig ist wird POEMA finanzieren. Das sagen wir zu. Von allen AIS wird die Praxisbegleitung, die in den letzten Jahren Schwerpunkt der Ausbildung war, sehr gelobt. Dabei werden die AIS einer Region von einem Arzt, einer Ärztin in ihren Dörfern bei der Arbeit begleitet. Sie sagen, dass sie dabei enorm viel gelernt haben über die praktische Diagnosestellung und die Behandlung , aber auch über Prophylaxe und praktische Gesundheitsunterweisung in Alltagshygiene.

Und plötzlich taucht Waiwai auf, der alte Kazike, der uns auch schon in Deutschland besucht hat. Er kommt direkt von einem Dorf an der Grenze und ist die letzten vier Tage hierher durch den Regenwald gelaufen. Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenckt, dass er mittlerweile sicher über achtzig Jahre alt ist. Er macht einen gesunden und sehr lebendigen Eindruck und erinnert sich gleich wieder an den Besuch der Uniklinik in Tübingen. Er informiert sich über unser Gespräch mit den AIS und ist auch gut über die aktuelle politische Situation informiert. Er ist in Sorge um das Reservat und sagt, dass er gegen die Mineiros und gegen die Garimperos (Goldsucher) kämpfen wird. Sie brauchen den Wald zum überleben.

Er freut sich, das POEMA die Wajapi immer noch unterstützen.
Zurück in "unserem" Dorf treffen wir auf die Familie, die hier wohnt. Sie sind gerade von der Grenze hier angekommen. Wir sind verunsichert, müssen wir unsere Schlafplätze räumen? Aber gleich wird uns signalsiert. Wir sind ihre Gäste, sie werden andere Schlafplätze in den kleinen Hütten finden. Auf unser Angebot, dass wir da schlafen könnten gehen sie gar nicht ein. Trotz der sichtbaren Erschöpfung von der Reise, sie tragen ihren ganzen Haushalt in großen aus Palmblättern geflochtenen Rucksäcken mit sich, stellt Pikuí gleich viele Fragen. Wer sind wir, was machen wir hier, wie ist das Leben in Deutschland, und vieles mehr.

6. Dezember, Mariry

Auf dem Fluß nach Mariry

Die Informationen, die wir von den Wajapi in Jakare erhielten waren verwirrend. Es hiess, es gibt kein intaktes Boot, wir könnten nicht nach Mariry reise. Wir waren schon dabei eine Rückfahrt nach Aramira zu orgnisieren, als plötzlich Wynamea auftauchte, mit Boot, und wir rasch alles einpacken mussten. Und dann waren wir auf dem Fluss, links und rechts geschlossener Regenwald. Nur das knattern des Motors beeinträchtigte das unglaubliche Gefühl in dieser unberührten Natur sein zu können. Dann legt das Boot am Ufer an. Wir sind im Dorf Takuruserenyny, wo wir Wynameas Vater antreffen. Ein alter Herr, groß für einen Wajapi, und noch größer ist in der Tat seine Nase. Er beginnt uns gleich auszufragen und Wynamea kommt mit dem Übersetzen kaum hinterher, weil sein alter Herr nur Wajapi spricht.

Es ist ein kleines Dorf und nach einem kurzen Rundgang geht es wieder auf den Fluss. Ein Stunde weiter erreichen wir Karapijuty, das Dorf von Aikyry, dem Lehrer, den ich schon mehrfach bei früheren Reisen besuchen konnte. Sein Dorf ist bestens organisiert und sauber. Er zeigt uns seine Pflanzungen, es gibt jede Menge Nutzpflanzen, wie Cupuacu, Manjok, aber auch Heilpflanzen, von denen er uns gleich einige Stück einer entzündungshemmenden Rinde mitgibt. Er bedauert, das wir nicht länger bleiben kann, wobei er selbst später noch nach Aramira aufbrechen will, wo eine Konferenz für Lehrer stattfindet. Wir gehen wieder auf den Fluss, der wenig Wasser führt. Es ist immer wieder erstaunlich, dass man auf so engen Wasserläufen noch mit dem Boot fahren kann. Allerdings müssen wir jetzt immer wieder aus dem Boot raus und dieses über Baumstämme tragen. Es zieht sich ziemlich bis wir endlich in Mariry ankommen. Dann müssen wir noch unsere Sachen ins Dorf schleppen.

Wir werden in leerstehenden Hütten untergebracht und befestigen die Hängematten in schwindelnder und schwankender Höhe. In der Nacht geht ein heftiges Gewitter mit starkem Regenfall auf uns nieder, aber das Dach ist dicht und nur leichter Sprühregen erreicht uns gelegentlich in der Hängematte. Morgens bringt uns ein Mädchen von der Nachbarhütte Feuer und wir kochen Tee und backen Tapjoka-Pfannenkuchen. Zum Waschen müssen wir eine steil und rutschige Böschung an den kleinen Fluss hinunter. Dafür ist das Wasser sauber und erfrischend. Am Vormittag findet die erste Versammlung mit den AIS statt, bei der sie über ihr Arbeit in den Dörfern berichten.

Die meisten waren die letzten vier Monate an der Grenze des Reservats mitten im Regenwald. Dort haben sie auch Dörfer und halten sich dort auf, weil die Jagd besser ist und es genügend Früchte und Gemüse auf den dortigen Feldern gibt. Außerdem sind sie dort richtig weit von der Welt der Weissen entfernt, was sich unter anderem darin ausdrückt, dass es dort so gut wie keine Fälle von Malaria gibt. Malaria ist hier in Mariry und vor allem an den Dörfern entlang der Straße ein großes Problem. Mit dem neuen Schnelltest ist die Diagnose einfach geworden. Aber hat gerade mal zwei dieser Schnelltestsets und in den Dörfern an der Grenze stehen sie gar nicht zur Verfügung.

4. Dezember, Jakare

Warten aus Boot

Am Dienstag früh um 5 Uhr wurden wir pünktlich abgeholt und brachen noch bei Dunkelheit in Richtung Reserv Indigena Wajapi auf. Entlang der ersten 100 Kilometer, wo die Straße noch asphaltiert ist, sind mittlerweile riesige Sojafelder entstanden. Danach fuhren wir endlos durch die Eukalypusplantagen, die von Jagpanern zur Papierproduktion betrieben werden. Die Piste ab Porto Grande ist in einem halbwegs aktzeptablen Zustand. So kamen wir bereits um halb elf in Aramira, wo sich das Subildungszentrum der Wajapi befindet, an. Dort trafen wir Juliana von unserer Partnerorganisation IEPE, mit der wir uns über die wesentlichen Punkte unseres Besuches und der Zusammenarbeit mit POEMA austauschten. Dann ging es weiter nach Jakare, wo die Perimetral norte, die Straße, die ursprünglich entlang der ganzen nördlichen Grenze Brasiliens verlaufen sollte, endet. Der Urwald hat den Menschen hier eine Grenze gesetzt.

Erst war es unklar, ob wir noch mit dem Boot weiterfahren. Aber bald war klar, dass heute kein Boot mehr kommen würde. So bezogen wir eine Hütte im Dorf unter den mehr oder weniger scheuen Blicken der Bewohner. Wynamea, ein AIS veterano begleitet uns auf der ganzen Reise. Er verabschiedete sich, weil er im Nachbardorf übernachtet und klären will, wo das Boot bleibt. Am anderen Morgen, nach einer Nacht mit viel Lärm, die Dorfjugend von Jakare hat uns mit schrecklich lauter Musik as dem Gettoblaster traktiert, und viel Regen erschien Wynamea und teilte uns mit, dass er das Boot selber in Mariry holen müsse. Also noch eine NAcht hier in Jakare, wobei wir durchaus froh sind uns noch etwas erholen zu können.

2. Dezember, Macapa

CIMI, Bischof und Landwirtschaft

Seit Freitag sind wir jetzt in reduzierter Anzahl in Macapa, Gerd und Helmut sind zurück nach Deutschand. Zuvor hatten wir noch eine schöne Begegnung mit einer Gruppe von Zoe, die im selben Hotel wie wir untergekommen waren. Sie waren hier in Belem zu Eröffnung einer Ausstellung im Museu Göldi über ihr Leben und ihre Kultur. Die Ausstellung wurde iniziiert von Dominique, der Mitbegründerin unserer Partnerorganisation IEPE, die unsere Arbeit bei den Wajapi organisiert. So erfuhren wir, dass es schon einen Austausch zwischen Zoe und Wajapi gab. Sie sprechen den gleichen Dialekt und gelten in ihrer Lebensweise als noch sehr ursprünglich. Es gibt noch rund 350 Zoe und leider sind auch sie massiv von weissen Eindringlingen in ihrer noch intakten Welt bedroht.
Bei unserer Ankunft in Macapa erfuhren wir, dass es Probleme mit der Einreise ins Reservat gibt. Das ist eine etwas komplizierte Geschichte und hat damit zu tun, dass eine Wajapifrau, die in der Weißenwelt aufgewachsen ist, und in der Regierung Bolsonaro eine wichtig Funktion übernommen hat.

Die Wajapi haben sich von ihr schon mehrmals distanziert u.a. weil sie im Wahlkampf Werbung für Bolsonaro gemacht hat. Aber es gibt verwandschaftliche Beziehungen und die Dame ist ausgerechnet an diesem Wochende im Reservat mit ihrem ganzen Tross. Unsere Freunde von der IEPE und von den Wajapi meinten, es wäre nicht so gut, wenn wir die Dame im Reservat treffen würden. So mustten wir erst mal warten und erhielten heute das ok, dass wir morgen früh in die tera indigena Wajapi aufbrechen können. Wir haben die Zeit genutz etwas auszuruhen und wir haben unseren alten Freund Matapi in der Casai (casa de saude indigena) besucht.In der Casai halten sich Indigene auf, die in der Stadt zur medizinischen Behandlung sind. Matapi machte trotz seiner Krebserkrankung einen guten Eindruck. Er ist alt geworden und hat sich sichtlich gefreut uns wieder zu sehen. Und er hat uns natürlich gleich in sein Dorf Yvyrareta eigeladen. Wir müssen die Gesundheitsstation reparieren, die POEMA vor vielen Jahren dort finanziert hat. Jetzt vor Beginn der Regenzeit ist eine Reise nach Yvyrareta sehr beschwerlich und für uns leider nicht möglich. Wir werden voraussichtlich ins Dorf Mariry fahren und dort wahrscheinlich Waiwai, den alten Häuptling, der auch schon in Deutschland war, antreffen.

28. November, Belem

CIMI, Bischof und Landwirtschaft

Am Montag hatten wir ein Gespräch bei der christlichen Indigenenorganisation CIMI in Belem. Über diese Organisation überweisen wir das Geld für unsere Projekte bei den Kaapor. Das funktioniert bisher sehr gut. Wir haben mit Roseli über die Formalitäten, Kontoauszüge und Belegaufbewahrung gesprochen und vereinbart, wie wir es in Zukunft machen. Sie hat auch schon Solarpaneele und Pumpen für die Trinkwasseranlagen bei den Kaapor gekauft. Einfach super. Sie sieht die Indigenenzukunft unter Bolsonaro sehr kritisch und hofft, dass die Zivilgesellschaft so viel Kraft entwickeln kann, dass seine Amtszeit nicht allzu lange dauert.Wir haben nie geglaubt, sagte sie u.a., dass unsere Arbeit 30 Jahre zurückgeworfen wird. Zurück in die Zeiten der Militärdiktatur. In diesem Moment fanden wir unsere Unterstützung für die Indigenen ganz besonders wichtig.

Am Dienstag fuhren wir mit dem Bus nach Cameta am Rio Tocantins gelegen. Dies dauert zur Zeit 7 Stunden, weil wegen einem Brückeneinsturz eine große Umleitung gefahren werden muss. Um 18 Uhr hatten wir dann ein Gespräch mit dem örtlichen kath. Bischof Dom Altevir und seinen Mitarbeitern. Zunächst berichtet er über die Amazonassynode von Rom, bei der er auch war. Er sprach über die Desaster bei Großprojekten und Dammbrüche sowie davon, dass es Aufgabe der Kirche wäre, die Opfer zu begleiten und auf die Ursachen hinzuweisen. Amazonien soll unter pastoralen, kulturellen, sozialen und ökologischen Kriterien gesehen und die Aktionen unter diesen Gesichtspunkten beurteilt werden. In Cameta steht das Thema Wasser im Zentrum. Dies u.a. deshalb, weil der Tocantins teilweise zu einer Wasserstraße ausgebaut werden soll – mit noch nicht absehbaren Folgen.

Weiteres Thema war dann die Zusammenarbeit von Diözöse und POEMA im Bereich der kleinen Wiederaufforstungsprojekte „Agroflorestal“. Schon in vielen Gemeinden der Region gibt es diese Projekte, u.a. auch von POEMA finanziert. Jetzt möchten auch die Gemeinden Rio Preto und Melancal Unterstützung für ihre Projekte. In beiden Dörfern haben wir mit den anwesenden Dorfbewohnern darüber gesprochen und dabei festgestellt, dass, um die Projekte anzugehen, noch Kurse stattfinden sollten. Dabei soll es um die Anbaumethoden und die Vielfalt der versch. Pflanzen gehen. Erst danach – und wenn die organisatorischen Voraussetzungen zusammen mit der Diözöse geklärt sind, sollten die neuen Projekte gestartet werden. Dazu gehört auch jeweils ein Solarbrunnen, um die neuen Setzlinge zu bewässern, wenn es längere Zeit nicht regnet. Im Nachbarort Nova America gibt es schon rund 20 solcher Agroforstsysteme, die, wenn auch unterschiedlich gestaltet, allesamt für die Menschen ein Fortschritt sind. Jetzt haben sie nicht nur, wie früher, Maniok, sondern Acai, Pfeffer, Kakao und besonders bei einem der Bauern, auch Bäume wie Zeder und Mahagoni. Landwirtschaft und Forstwirtschaft auf einem Grundstück.

Die Dorfbewohner haben uns sehr freundlich empfangen und bewirtet...mit den fein schmeckenden tropischen Fruchsäften und leckerem Essen. Es gibt schon jahrelange Beziehungen zwischen den Dörfern und den Bewohnern. Das merkt man deutlich. Auf der Fahrt zu den Dörfern haben wir immer wieder schwarze Grundstücke gesehen, auf denen es in den letzten Wochen brannte. Es ist nicht der Primärwald, der brannte, sondern der zweite Wald und das verbuschte Land, das abgebrannt wird, um darauf wieder Maniok, Reis oder Mais zu pflanzen. Jede Familie kann so jährlich einen ha Land für seine Pflanzungen frei machen. Darüber haben wir natürlich auch gesprochen und der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass durch die Systeme Agroflorestal dieser Wanderfeldbau beendet, zumindest aber eingedämmt werden kann. Diese Anbaumethode hat wirklich keine Zukunft. Vielleicht hat unser Gespräch etwas bewegt...wenn es auch nicht so einfach ist, jahrzehntelange Methoden zu verändern. Auch die Bauern in Deutschland tun sich ja sehr schwer damit!

25. November, Belem

Treffen mit Vertretern der Landlosenbewegung MST

Gestern trafen wir zwei Aktivisten der Landlosenbewegung hier in Belem. Beatriz, eine junge Frau und Moises, schon etwas älter arbeiten hier als Freiwillige für den MST. Es gab schon ein Treffen bei unserer letzten Reise mit den Beiden. Der Kontakt mit dem MST kam bei einer Rundreise von MSTlern in Deutschland zustande, wo wir n Stuttgart eine Veranstaltung organisiert hatten. Hier im Bundesstaat Para sind rund 5000 Menschen im MST organisiert. Es gibt mehrere Ansiedlungen. Dabei handelt es sich meistens um Landbesetzungen. Diese sind durch die brasilianische Verfassung zulässig, weil dort festgelegt ist, dass Land sozial genutzt werden muss. So können brachliegende Ländereien in einem jurisischen Verfahren enteignet werden und neuen Nutzern zur Verfügung gestellt werden. Soweit die Theorie. Diese Verfahren waren auch in der Vergangenheit schon nicht einfach. Unter der Regierung Bolsonaro gilt der MST als krinminelle Organisation. Beatriz und Moises berichten von zunehmenden Schikanen und Bedrohungen. Es gibt immer wieder Überfälle auf Ansiedlungen und die juristischen Verfahren zur Anerkennung besetzter Gebiete werden nicht weitergeführt und teilweise sogar rückgängig gemacht. Sie arbeiten hier in Belem überwiegend mit Leuten, die in der Stadt aufgewachsen sind und sich mehr recht als schlecht mit Gelegnehitsjobs durchgeschlagen haben.

Es gibt hier in der Peripherie von Belem ein besetztes Gebiet mit über 50 Hektar auf dem rund 40 Familien leben. Die Menschen dort müssen den Anbau von Obst und Gemüse erst wieder lernen. Dabei verwenden sie keine Gifte und Kunstdünger. In der Vergangenheit gab es noch Beratung und Unterstützung vom Landwirtschaftsministerium. Diese wurde jetzt generell gegenüber MST-Ansiedlungen eingestellt. Die MSTler sind also in jeder Hinsicht auf sich alleine gestellt Sie sind zwar die größte Organisation der sozialen Bewegungen in Brasilien mit rund 5 Millionen Mitgliedern, aber sie brauchen dringend Unterstützung und Solidarität. Wir bieten ihnen an ein konkretes Projekt z.B. im Rahmen einer Ausbildungsmaßnahme zu unterstützen. Sie wollen uns dazu bis Ende des Jahres einen Vorschlag für ein Projekt zuschicken. Am Nachmittag sind wir noch auf einer Insel de Rio Guama und geniesen die Atmosphäre am Fluss mit Blick auf die Skyline von Belem. Was für ein Unterschied.

23. November, Belem

Treffen mit der Associacao der Kaapor in Ze Doca

Gestern Abend sind wir nach über 8 Stunden Fahrt etwas erschöpft wieder in Belem angekommen. Wir hatten davor ein längeres Gespräch mit der Associacao der Kaapor in Ze Doca, einer Bischofsstadt etwa 1 1/2 Stunden Autofahrt südlich von St Luzia. Bei den Kaapor gibt es auf Grund eines internen Streites zwei "verfeindete" Gruppen. POEMA arbeitet seit einigen Jahren mit der Gruppe um den Conselho do Kaapor zusammen. Wir wurden schon im letzten Jahr von der anderen Gruppierung, der Assosiacao do Kaapor eingeladen, unter anderem weil es hier noch aus Will-Hoss-Zeiten Kontakte gab. Der Streit, soweit wir das verstanden haben, besteht in wechselseitigen Vorwürfen, mit den Madereiros zusammen zu arbeiten und zu sehr unter Einfluss der Weissen zu stehen. Beides wird natürlich von beiden Seiten dementiert.

Wir wurden von Iracadju, dem Präsidenten der Assosiaco und etlichen Kaapor in ihrem Büro in einem Haus am Rande von Ze Doca empfangen. Auch sie betreiben aktiven Waldschutz, so berichtete Iracadju. Sie haben sich dazu mit den drei anderen Ethnien, den Awa, den Karu und den Guajara hier in Maranhao zusammengetan. In den von den Holzräubern besonders bedrohten Gebieten patrollieren sie gemeinsam die Grenzen der Schutzgebiete. Dabei wurde Anfang November Paulinho, ein Guajara, getötet. Er war ein engagierter Waldschützer und die Kaapor kannten ihn gut. Sie sagen, er wurde gezielt ermordet, weil er sich so sehr für den Schutz des Regenwades und für die Erhaltung der Lebensgrundlage der Indigenen eingesetzt hat. Wir vereinbaren weiter in Kontakt zu bleiben und beim nächsten Besuch auch in die Dörfer der Associacao zu gehen. Zum Schluß erklärte Icaradju noch den Kalender der Kaapor anhand eines Schaubildes mit einem Kopfschmuck mit zwölf Federn. Bei uns bleibt der Eindruck, dass für den Streit zwischen den Kaapor vor allem Nicht-Indigene, wie sie sagen, also Weisse verantwortlich sind. Iracadju betont mit fasst den gleichen Worten wie Itahu, der Kazike des Conselho, wie sehr ihm an einem guten gemeinsam Auskommen liegt. Das macht doch Hoffnung!

21. November, St Luzia do Parua

Besuch im Dorf Uxi Yrenda

Zur Aldea Uxi Yrenda ist es von St Luzia aus nicht so weit. Vielleicht 20 Kilometer hinter der Stadt geht es rechts ab auf die staubige Piste. Vorbei an den hier immer gleichen Bildern von kleinen Ansiedlungen, meist nur einzelne Häuser zwischen den Rinderweiden. Auf den Weiden sind selten mehr als ein, zwei Dutzend dieser überwiegend weissen Rindern zu sehen, für unsere Verhältnisse sind sie mager um nicht zu sagen dürr. Immer wieder müssen provisorische Brücken über kleine Wasserläufe überquert werden, viele sehen nur bedingt vertrauenswürdig aus.

Für uns sehr angenehm, nach Uxi kommt man fast direkt mit dem Auto, es sind nur einige hundert Meter von der Piste zu laufen. Wir werden gleich von einer Kinderschar empfangen. Am Dorfeingang ist der von POEMA finanzierte Brunnen mit der Solaranlage. Alles funktioniert und das Dorf macht einen aufgeräumten Eindruck. Hier leben seit über 5 Jahren sechs Familien. Sie können sich sebst versorgen, direkt hinter dem Dorf sind ihre Felder, wo sie vor allem Maniok, aber auch sonst alles an Gemüse und Obst anbauen, was sie brauchen. Und es gibt hier auch Asai, das sie verkaufen, wenn auch zu einem sehr schlechten Preis. Wir waren das erste Mal vor vier Jahren hier, da war alles sehr provisorisch und wir durften damals unsere Hängematten unter einem Baum aufhängen. In der Nacht hat ein Affe auf uns heruntergepinkelt. Glücklicherweise hat uns eine Plane vor dieser Attake geschützt. Mit großem Gelächter erinnern sich alle an diese Geschichte. Die Menschen hier sind mit ihrer Situation sehr zufrieden. Seit sie hier leben gab es keine Übergriffe von Madereiros. Sie bedanken sich ganz herzlich für die Hilfe, die ihnen sauberes Wasser garantiert.

20. November, St Luzia do Parua

Besuch im Dorf Maratoy Yrenda

Über zwei Autostunden und gut eine Fußstunde sind es, um in die Kaapor-Aldeia (Dorf) Maratoy zu kommen. Zuerst auf der BR 316, dann auf einer 30 km langen Sandstraße, vorbei an Rinderweiden und degradiertem Land, Lehmhäusern von Landarbeitern, Kuhhirten und einem Jäger, der mit einer großen Schildkröte die Straße entlang ging bis zum letzten Dorf weit draußen....fast am Ende der Welt. Doch das täuscht. Weiter ging es mit dem Auto noch einige Kilometer bis es dann wirklich nicht mehr ging. Also blieb das Auto stehen und wir gingen zu Fuß weiter. Es waren noch rund 6 km bis zur Aldeia. Doch plötzlich kam Itahu auf dem Motorrad, hielt kurz an und schon war einer der „Wandergruppe“ weg. Später kamen dann zwei junge Indigene mit Motos, wie sie sagen und holten die Anderen ab, so dass sich die Strapazen in Grenzen hielten.

Maratoy ist ein großes Dorf, in dem seit ungefähr einem Jahr 28 Familien wohnen. Es ist eines der Dörfer in der „Area de Protecao“, dem Schutzgebiet der Kaapor an der Reservatsgrenze. Immer wieder kamen auch hier Madereiros in ihr Gebiet. Jetzt scheint Ruhe zu sein und die Hoffnung ist, dass dies auch so bleiben möge. Inzwischen gibt es eine Schule im Dorf mit drei indigenen Lehrern. Ein wichtiger Lerninhalt ist das Erlernen der portugiesischen Sprache. Der ganz große Teil der Dorfbewohner spricht nur die eigene Kaapor-Sprache. Strom gibt es keinen im Dorf. Taschenlampen sind zu sehen und der Wunsch nach Solarlampen ist unüberhörbar. Wasser trinken die Kaapor aus dem nahe gelegenen Bach, der allerdings verschmutztes Wasser führt. Deshalb freuten wir uns sehr, als wir den Brunnenbauer getroffen haben. Er ist dabei, den Brunnen zu bohren und ist bereits bei fast 15 m angekommen. Er wird von Hand gebohrt und dann mit einer Solarpumpe versehen. Das beste Gesundheitsprogramm für das Dorf ist sauberes Grundwasser. Der Brunnen wurde ermöglicht durch die Kooperation von POEMA mit Medico-International. An dieser Stelle ein herzliches Danke dafür.

Was die Kaapor noch brauchen sind Lebensmittel....d. h. Reis, Bohnen, Mais usw. Dies deshalb, weil die Maniokwurzeln erst in einigen Monaten geerntet werden können. Dies ist ihre Basisernährung. Bestandteil der POEMA/Medico-Hilfe ist deshalb auch Alimentacao und Gasolina für den Transport. Dies fällt weg, wenn die Maniok-Ernte beginnt. Ansonsten gehen sie zur Jagd...im Reservat gibt es noch viele Tiere. Auf dem Weg haben wir Spuren der Onca, dem Jaguar gesehen. Bei der Versammlung bedankten sich die Kaapor bei POEMA für die Zusammenarbeit, für die Ermöglichung des Bildungsprogramms, für die Trinkwasserbrunnen und für die Hilfe bei der Beschützung ihres Landes. „Wir waren doch die ersten Bewohner Brasiliens“, sagte Itahu am Schluss. Es ist doch klar, dass wir unser Land verteidigen gegen die Bolsonaros und Holzdiebe.

19. November, St Luzia do Parua

Bei den Kaapor in Maranhao

Gestern früh sind wir in Belem aufgebrochen in Richtung Maranhao. Die Grenze zwischen Para und Maranhao ist am Rio Gurupi, den wir gegen 14:30 erreichten. Direkt davor kamen wir noch in eine Polizeikontrolle, bei der sich der Polizist als glühender Bolsonaro-Anhänger outete. Wir konnte trotzdem unbeschadet weiterfahren und kamen erst bei Dunkelheit in St Luzia an. Heute Morgen trafen wir dan Itahu, einen der Vertreter des Conselhos dos Kaapor. Nach einigen Einkäufen ging es dann vielleicht 20 Kilometer hinter St Luzia ab auf eine Sandpiste. Nach nocheinmal 20 Kilometern ging es mit dem Auto nicht mehr weiter. So mussten wir den letzten Kilometer zu Fuß bewältigen.

Dann waren wir im Gebiet der Kaapor und im neu gegründeten Dorf Parua Irenda. Parua heißt eine Zedernart hier. Eine einzige wurde von den Holzräubern stehen gelassen. Das Dorf gibt es erst seit 2 Monaten. Es wurde gegründet, weil hier eine Piste von den Madereiros (Holzräubern) zum Abtransport der geraubten Bäume angelegt worden ist. Im Moment wohnen hier 4 Familien, es sollen aber noch mehr werden. Sie überwachen die Reservatsgrenze und seit sie hier sind gab es keine Übergriffe durch die Madereiros mehr. Zwei der Familien kommen tiefer aus dem Reservat und hatten bislang wenig Kontakt zu Weissen. Sie sprechen kaum portugisisch. Immerhin steht auch schon das Gerüst für die Schule. Sie wünschen sich einen Brunnen, weil das Wasser aus dem nahen Bach leider nicht von guter Qualität ist. Sie sind alle freiwillig hier und werden von der Gemeinschaft des Conselhos mit Lebensmitteln versorgt. Sie haben zwar schon begonnen ein Feld vorzubereiten, das mit beginn der Regenzeit bepflanzt werden soll.

Aber es wird knapp zwei Jahre dauer, bis sie sich selbst versorgen können. Durch die Unterstützung von Medico International können wir den Brunnenbau zusagen. Nachmittags setzt ein leichter Regen ein und wir erreichen unseren Wagen gerade noch bevor ein erneuter heftigerer Regenguss den Staub und die Hitze etwas ablöschen. Morgen und übermorgen werden wir zwei weitere Dörfer besuchen. Itahu antwortet auf die Frage, was für sie gerade die wichtigste Unterstützung sei: Wir brauchen vor allem Ausbildung und Unterricht um in der Auseinandersetzung mit der Welt der Weissen, der MAdereiros bestehen zu können.

17. November, Belem

Konferenz der Xingu-Gruppen und Rückkehr mit Hindernissen

Am Samstag-Vormittag besuchten wir die Eröffnung der Konferenz der verschiedenen Gruppen, die an der großen Schleife des Xingu-Flusses liegen. Eingeladen hatte die Bewegung „Xingu vivo para sempre“ - Der Xingu soll leben für immer. Viele Gruppen kamen in die Räume der Aussenstelle der Bundesuniversität von Para in Altamira. Fischer, Goldsucher, Flussbewohner, Kleinbauern und Vertreter von indigenen Gruppen der Region. Es ging und geht um ihr Leben und Überleben in ihrer von Geldhaien bedrohten Heimat. Die einen leiden unter den Folgen des Megakraftwerkes Belo Monte, andere sind in Sorge, dass der kanadische Bergbaukonzern Belo Sun ihr Umfeld zerstört und den Fluss vergiftet und wieder andere sehen sich von Holzdieben konfrontiert, die illegal Holz schlagen. Und immer wieder kommt es zu Gewalttaten und massiven Drohungen.

Die Region ist etwa so groß wie die Bundesrepublik Deutschland...und über 1000 kleinere und größere Nebenflüsse speisen den Rio Xingu. Es geht um nichts anderes als um die Bewahrung dieses so wunderbaren Stückchen Erde, das schon geschunden genug ist. Jetzt soll endlich Schluss sein mit Zerstörung und Ausbeutung der Natur. Wir wünschten ihnen viel Erfolg, Kraft und Ausdauer bei diesem für uns allen so wichtigen Kampf. Unser Rückflug von Altamira nach Belem war geprägt von sehr schlechtem Wetter mit Starkregen und viel Wind in Belem. Dies hatte zur Folge, dass unser Flugzeug kurz vor der Landung durchstartete und wir über Belem kreisten und einen neuen Landeversuch machten. Auch dieser scheiterte und so flogen die Piloten nach Maraba, einer Stadt rund 500 km von Belem entfernt. Dort übernachteten wir und flogen dann am Sonntag problemlos zurück. Es war eine neue Erfahrung für uns und wieder einmal waren wir froh und dankbar, gut angekommen zu sein.

16. November, Altamira

Am Rio Xingu: Paratizao und Ressaca

Manchmal überlegt man sich, ob man es schreiben soll - oder nicht. Wir haben uns entschlossen, es zu berichten, weil es die Realität in Brasilien ist. Jährlich werden 60 000 Menschen in dem Land umgebracht. Bei unserem Besuch in der Schule von Paratizao, einem Ort am Stausee von Belo Monte gelegen, sprachen wir über die Probleme in der Schule und der Gemeinde. Beim der Beantwortung der Frage, kamen der Lehrerin Roseli die Tränen. Erst vor kurzer Zeit wurde ihr 19 jähriger Sohn in Altamira ermordet. Er mischte sich in einen Streit ein und dann trafen ihn die tödlichen Schüsse. Wir waren tief betroffen und plötzlich waren wir ganz nah an der fürchterlichen Realität im Land. Was konnten wir auch anderes tun, als Roseli in die Arme zu nehmen und ihr unser Betroffenheit zu zeigen In Paratizao wohnen 40 Familien, die alle auf den Inseln im Rio Xingu gelebt haben und vertrieben wurden, weil der Stausee alle diese Inseln überschwemmt hat und ein Leben auf ihnen nicht mehr möglich war. Die Menschen wurden umgesiedelt und die Bäume sind abgestorben. Das ist der Preis des Fortschritts, sagen die Manager von Elektronorte, der Betreiberfirma des Kraftwerkes. Jetzt wohnen die Familien in Paratizao – und es werden immer mehr. Fast 40 Kinder kommen in die kleine Schule, die mäßig ausgestattet ist, der Strom kommt von einem Motor und das Trinkwasser in Behältern von der Stadt. Jetzt werden auf Grund der hohen Kinderzahl aus einem Raum drei gemacht, durch ein Tuch getrennt.

Deshalb haben wir jetzt Nägel mit Köpfen gemacht. Schon in den nächsten Wochen wird die Firma aus Altamira mit dem Aufbau einer Photovoltaikanlage beginnen, für das Licht in der Schule, einem Gefrierschrank für die Schulspeisung, den Ventilatoren und für den Brunnen, der neu gebohrt und mit einer Solarpumpe ausgestattet wird. Damit wird sich die Situation am Ort wesentlich verbessern und die Kinder werden gesünder aufwachsen können. Die Lehrerin Roseli sagte uns am Schluss noch, dass sie sich riesig gefreut hat, als sie unser Boot anlegen und uns aussteigen sah. Diese Solidarität tat ihr sicher gut, in ihren schweren Zeiten. Wir sind dann weiter gefahren in den Ort Ressaca. Es ist ein Goldgräberdorf, das es seit rund 70 Jahren gibt. 320 Familien wohnen im Ort und rund 400 Kinder gehen in die Schule. Ein Arzt kommt nur ein mal im Monat und in der Regel fehlt es Medikamenten.

Reich werden die Garimpeiros nicht. Etwas mehr als ein Mindestlohn von 250 Euro im Monat ist nicht drin. Seit 10 Jahren ist die kanadische Bergbaufirma Belo Sun bemüht, in der Gegend von Ressaca die Voraussetzungen zu schaffen, großindustriell nach Gold zu graben. Durch Prozesse und die Unterstützung einiger NGOs wie auch Xingu vivo, konnte dies bis jetzt verhindert werden. Die Bewohner sind auch guten Mutes und passen genau auf, was passiert. Sie vermuten, dass die Taktik von Belo Sun ist, sie zu zermürben durch jahrelange Prozessiererei und alle möglichen Schikanen. Während Belo Sun zerstören will, wollen sie pflanzen und haben begonnen, Nutzpflanzen und Bäume zu pflanzen. Wir von POEMA werden verfolgen, wie die Entwicklung weiter geht und haben den Bewohnern unsere Unterstützung zugesagt. Vor allem die Rechtsanwalts- und Gerichtskosten bringen sie an ihre finanzielle Grenze. Der Rio Xingu hat durch Belo Monte unsäglich gelitten. Die Zerstörung muss endlich aufhören. Die Menschen in ihrer sie umgebenden Natur sind mehr wert, als alles Gold der Erde.

14. November, Altamira

In Altamira wollten wir Antonia Melo treffen. Sie ist die Sprecherin der Bewegung Xingu vivo, die jahrelang gegen das Megakraftwerk Belo Monte gekämpft hat. Schon gegen 9 Uhr waren wir im Büro von Xingu vivo. Antonia war schon da und dazu noch einige Frauen und der Chef der Firma, die die Solaranlage in der Schule in Paratizao baut. Schon bei unserem letzten Besuch hatten wir dies vereinbart. Es soll eine Anlage gebaut werden für das Licht in der Schule, einen Gefrierschrank, einen Mixer, einen Ventilator und die Solarpumpe des Brunnens. 12 PV-Paneele sind dafür notwendig und die Batterien. Im Ort sind 40 Familien. In der Region zusammen über 120. Und es werden immer mehr. Sie alle wohnten früher auf den vielen Inseln im Fluss Xingu. Es waren Fischerfamilien, die jetzt gezwungenermaßen Bauern wurden. Weniger Fische und viele von ihnen noch krank und dünn dazu sind das Ergebnis, wenn aus einem fließenden Fluss ein Stausee wird. Durch ihn mussten sie gehen und wurden weiter oben neu angesiedelt. An anderen Orten hat Norte Energia, der Kraftwerksbetreiber, als Entschädigung wenigstens das Material für Solaranlagen bezahlt.

Wenn immer mehr Leute in den Ort kommen, hat das auch Folgen für die Schule, die jetzt in 3 Klassenzimmer unterteilt wurde. Weitere Informationen wollen wir morgen erfahren, wenn wir vor Ort sind. Mit dem Boot soll es zum Goldgräberdorf Ressaca und dann nach Paratizao gehen. Während unseres Gesprächs kam eine Frau dazu, die auf einer Flussinsel weiter flussaufwärts lebt, wie alle Familien in der Gegend. In ihrer Region gibt es nur zwei kleine Schulen, in die die Kinder mit dem Boot kommen. Zum Teil müssen sie morgens um 5 Uhr losfahren, um pünktlich zur Schule zu kommen. Stromschnellen liegen zwischen der Schule und ihren Häusern. Auch gibt es in ihrem Gebiet nur einen Gesundheitsposten auf einer Insel. Viel zu wenig und viel zu weit weg für vielen Inselbewohner. Sie wollen jetzt mehr Druck auf die Stadt Altamira machen, dass endlich etwas passiert und ihre Probleme gesehen werden.

Gesprochen haben wir auch über die Situation im Zusammenhang mit der Bergbaufirma Belo Sun aus Kanada, die, ebenfalls an der Xingu-Schleife großflächig Gold abbauen will. Mit üblen Folgen für die Natur und die Fischer, die Flussbewohner, die Kleinbauern und die Indigenen, die in der Region leben. Wir wollen uns einen besseren Einblick in die Situation verschaffen und besuchen morgen den Ort Ressaca, in dem schon seit Generationen von Familien nach Gold gegraben wird. Sie alle fürchten um ihre Zukunft, wenn Belo Sun kommt. Widerstand regt sich natürlich aber es bleibt wohl fraglich, ob sie eine Chance haben gegen einen Bergbauriesen und eine Regierung Bolsonaro, die in diesen Konflikten nicht auf der Seite des Volkes steht, sondern auf der Anderen. Abschließend ging es noch um die Gefängnisrevolte vor zwei Monaten, bei der über 50 Gefangene umgekommen sind. Darunter sind viele Jugendliche im Alter von 18 bis 29 Jahren, die Kinder von Vertriebenen durch Belo Monte waren. Das Gefängnis war völlig überfüllt – hauptsächlich von Jungen und Schwarzen. Nur die wenigstens wurden verteidigt...von einem Verteidiger, der 300 Gefangene zu verteidigen hatte. Ein Drama, das abzusehen war. Doch die Politik schwieg und tat nichts. Statt den Jugendlichen Arbeit zu geben, steckten sie sie ins Gefängnis. Das neue Gefängnis wurde übrigens von Norte Energia, dem Belo-Monte Betreiber finanziert....als Ausgleich für das Umwelt- und Sozialdesaster, das sie angerichtet haben. Ein verteufelter Kreislauf von Korruption und Gewalt.

13. November, Altamira

Von Santarem verabschiedeten wir uns mit einem Treffen mit Padre Edilberto Senna, der hier in Santarem über viele Jahren ein Radio für die Lanbevölkerung geleitet hat und aktiv im Widerstand gegen die Staudammprojekte am Tapajos kämpft. Er hat uns über die aktuelle Situation informiert, die bekannterweise nicht rosig ist, es soll hier ein neuer größerer Hafen gebaut werden, und er hofft auf internationale Unterstützung gegen die Zerstörung Amazoniens. Zwölf Stunden Busfahrt lagen am Mittwoch vor uns. Von Santarem am Amazonas und Tapajos gelegen bis nach Altamira am Rio Xingu. Es sind alles riesige Flüsse. Der Tapajos ist an seinem Unterlauf so breit wie der Bodensee und dabei rund fünf mal länger. Der Xingu erreichte traurige Berühmtheit durch das Kraftwerk Belo Monte, das ihn vergewaltigt hat. Er fließt nicht mehr frei, weil sie bei Altamira einen Stausee aus ihm gemacht haben. Ein ökologisches Desaster – und ein Soziales dazu. Inzwischen ist Altamira eine der gefährlichsten Städte in Para. Erst vor einigen Monaten sind durch einen Gefangenenaufstand im Gefängnis der Stadt über 60 Menschen umgekommen.

Doch zurück zu unserer Busfahrt: Wir haben Santarem morgens um 8 Uhr verlassen und sind auf die berühmte BR 163 eingebogen. Berühmt deshalb, weil auf ihr riesige Sojamengen über fast 1000 km von Mato Grosso bis zur Soja-Verladestation von Cargill im Hafen von Santarem gebracht werden. Von dort aus geht das Soja weiter auf großen Schiffen nach Europa und China. Die BR 163 ist bis zum 200 km entfernten Ort Ruropolis, an der Transamazonica gelegen asphaltiert. Rechts der Straße liegt der Nationalpark Floresta National Tapajos, der ca. 120 km lang ist und bis zu 70 km breit. Üppiger Urwald über eine lange Strecke und auf der anderen Seite der Straße das genaue Gegenteil. Auf riesigen Feldern wir die Aussaat vorbereitet. Pro Jahr abwechselnd wird Soja und Mais ausgebracht und jeweils zwei mal geerntet. Alles Genverändert und mit Glyphosat belastet. Wir haben Berge von Wurzeln gesehen, die in Kürze abgeholt werden. Sauber machen, nennt man das in der Sprache der Großagrarier. In Ruropolis hielt der Bus am Busbahnhof. Dort haben wir zusammen mit den anderes Busleuten zu Mittag gegessen. Jede und jeder nimmt sich einen Teller, tut da drauf, was er gerne hätte, stellt alles zusammen auf eine Waage und eine Frau schreibt dann auf einen Zettel das Gewicht und was es kostet. Nach einer halben Stunde ging es weiter auf der Transamazonica. Diese Gegend ist hügeliger und deshalb für große Felder eher ungeeignet. Deshalb dominiert links und rechts der Straße die Weidewirtschaft. Kühe ohne Ende und oft degradiertes Land, auf dem nur noch Babacu-Palmen und Termitenhügel wachsen! Der Wahnsinn raubt einem manchmal fast den Atem. Aus Regenwald haben sie Rinderwald gemacht. Begonnen hat dies mit dem Bau der Transamazonica vor 60 Jahren. Tausenden von Indios hat dies das Leben gekostet. Sie waren schon damals dem Fortschritt im Wege....bzw. der Profitgier der Großgrundbesitzer.

Immer wieder stachen uns Rauchsäulen ins Auge. Jetzt vor der Regenzeit wird viel Buschland angezündet und Felder brandgerodet um neue Weideflächen zu bekommen. Wir dachten an die Nachrichten von vor einigen Monaten über die Brände am Amazonas...und jetzt sahen wir sie mit eigenen Augen und fuhren im Bus daran vorbei. Wann wird diese Zerstörung enden? Dabei geht das Leben der einfachen Leute weiter. Sie leiden auch unter dem Staub der Straße, die zum großen Teil nicht asphaltiert ist. Für sie ist die Straße ein Lebensnerv. Sie stehen an der Straße und warten bis der Bus kommt, halten ihn an und steigen ein, viele mit einem Kind dabei, vielleicht auf dem Weg ins Krankenhaus in der Stadt – oder einfach zurück in ihr Haus. Es ist der ganz normale Alltag an den Straßen Amazoniens. Fast auf die Minute genau kamen wir um 20 Uhr am Busbahnhof in Altamira an. Beeindruckend, wie super diese Buslinien organisiert und wie freundlich die Fahrer sind. Die ärmeren Leute fahren mit dem Bus in Brasilien. Die Reichen fliegen. Manche sagen auch Mobilitäts-Klassengesellschaft dazu...und wir sind dankbar, dass alles gut ging.

12. November, Santarem

Am Montag sind wir mit einem schnellen Boot der Stadt Santarem in einer Stunde zur Insel Ituqui gefahren. Dabei waren der Landwirtschafts-Buergermeister von Santarem, der Verantwortliche fuer die Trinkwasseranlagen, der Brunnenbauer und Wolfgang, der die Projekte von POEMA koordiniert. Ziel waren die Orte Sao Jose, Consecao und Pixuna do Tapara. Das Besondere an den Inseln im Amazonas ist, dass sie ungefaehr 6 Monate wasserfrei und in den anderen 6 Monate mit Wasser bedeckt sind. Die Haeuser stehen deshalb alle auf Stelzen und in der Regenzeit, bewegen sich die Inselbewohner mit Booten zwischen den Haeusern, der Kirche und der Schule. Sie leben vom Anbau von Maniok, Kuerbissen, Melonen, einige von der Viehzucht, vor allem aber vom Fischfang. Im Ort Sao Jose, in der die Wasseranlage gut funktioniert war gerade eine grosse Versammlung der Bewohner der umliegenden Doerfer. Die Verantwortlichen der Landarbeiter-Gewerkschaft waren da, um die Fischer-Familien zu registrieren. Warum? Von 1. Oktober bis Ende Februar darf nur fuer den Eigenbedarf gefischt werden, nicht aber um die Fische zu verkaufen. Als Ausgleich dafuer bekommen die Familien monatlich einen Mindestlohn als Ausfallentschaedigung. Das sind rund 250 Euro.

Nachdem wir mit einigen Bewohnern gesprochen und diese bestaetigt haben, dass die Wasseranlage, nachdem einiges technisch verbessert wurde, gut funktioniert, fuhren wir weiter zum Ort Concesao, einige Kilometer weiter flussabwaerts. Dort leben 25 Familien. Das grosse Problem in diesem Ort ist, dass der Seitenkanal immer weniger Wasser fuehrt und die Kinder deshalb weit laufen muessen, um vom Hauptkanal, das Trinkwasser mit Eimern aus dem Fluss zu holen. Deshalb baten uns die Bewohner ganz dringend, ihnen zu helfen und auch an ihrem Ort einen Brunnen zu bohren um sauberes Trinkwasser zu haben. Wir haben mit dem Brunnenbauer nun vereinbart, dass er eine Kostenaufstellung macht und wir danach entscheiden, ob wir zumindest einen Teil der Kosten uebernehmen koennen. Problem ist, dass die Bohrung moeglichst schnell erfolgen muesste, weil im Februar das Wasser kommt und dann keine Bohrung mehr moeglich ist. Es wuerden dann wieder 6 Monate vergehen, um mit dem Projekt starten zu koennen. Der dritte Ort war Pixuna do Tapara, ein Ort mit 90 Familien mit rund 300 Kindern. In diesem Ort wurde mit Hilfe von POEMA und der Schmitz Stiftung eine grosse Wasseranlage, wie alle mit Solarenergie, gebaut. Die Menschen sind ganz gluecklich, dass sie jetzt sauberes Trinkwasser haben, nachdem sie bisher das Wasser aus dem Fluss notduerftig gefiltert und dann getrunken haben. Es war sehr beruehrend, wie sie ihre Freude ausdrueckten und sich immer wieder herzlich bedankten. Ihr Leben wird dadurch besser und die Kinder koennen gesuender aufwachsen. Sehr zufrieden fuhren wir zurueck nach Santarem. Wir waren fuer einige Stunden in einer anderen Welt. Die Menschen sind gluecklich, auf den Amazonas-Inseln zu leben, ihre Fruechte anzubauen, den Fischreichtum zu geniessen....und jetzt auch noch sauberes Trinkwasser zu haben.

10. November, Santarem

Am Samstag-Nachmittag sind wir in Santarem angekommen. Wolfgang hat uns am Flughafen abgeholt und uns ins Hotel gebracht. Abends sind wir noch zusammengesessen, bei Fisch und Bier und haben das Wiedersehen gefeiert. Heute morgen um 8 Uhr begann dann die erste Etappe unserer Reise. Vorbei an vorbereiteten Feldern fuer den Soja- und Maisanbau fuhren wir knapp zwei Stunden nach Igarape Acu, einem Dorf mit 90 Familien und einer Schule mit rund 160 SchuelerInnen. Die Bewohner leben vom Fischfang (ganz in der Naehe liegt ein grosser See), von Maniok und von Acai, der bekannten Palmfrucht, die dort viel angebaut wird und auch wild waechst. Sie verkaufen dann die Beeren in der Umgebung und in Santarem. Schon bei unserer letzten Reise in das Dorf haben sie lange mit uns gesprochen und ihren Wunsch geaeussert, die Acai-Beeren zu Saft weiterverarbeiten und damit einen hoeheren Preis erzielen zu koennen. Zum zweiten wollten sie auch mehrere und ertragreichere Sorten von Acai anbauen. Wir hatten zugesagt, mit der ersten Etappe beginnen zu koennen und so konnten wir jetzt die gezogenen Acai-Setzlinge sehen, die in grosser Zahl unter einem Sonnenschutzdach gedeihen und am Beginn der Regenzeit im Dezember und Januar gepflanzt werden. Jede Familie bekommt eine bestimmte Zahl von Pflanzen.

Bei der Versammlung, zu den rund 50 Bewohner gekommen sind, haben sie sich immer wieder bei POEMA bedankt, dass der Start des Projektes gelungen ist. In einem zweiten Schritt soll im naechsten Jahr ein kleines Gebaeude erstellt und dazu ein Brunnen gebohrt werden um genuegend sauberes Wasser zu haben. Wenn dann die notwendigen Geraete und kleinen Maschinen gekauft sind, kann die Produktion des Acai-Saftes beginnen. Unterstuetzt werden sie dabei von Mitarbeitern von Emater, einer staatlichen Einrichtung von Beratern fuer Kleinbauern. Zum Abschluss unseres Besuches haben die Bewohner uns zum Essen eingeladen....mit leckerem Fisch aus dem nahegelegenen See. Vorgefuehrt hat eine Frau auch noch, wie die Acai-Beeren geerntet werden. Ganz toll zu sehen, wie sie die Kletterschuhe aus Palmblaetter gebastelt hat und damit die 8 m hohe Palme hochgeklettert ist. Die erste Etappe unserer Reise hat uns den richtigen Schub gegeben um in Spannung und Ruhe den weiteren Etappen entgegenzusehen. Morgen geht es auf zwei Inseln im Amazonas, in denen wir solare Trinkwasseranlagen ermoeglicht haben. Wir werden weiter berichten.