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Armut und Umwelt in Amazonien

Reisebericht November/Dezember 2019

Von Gerd Rathgeb und Johann Graf

20. November, St Luzia do Parua

Besuch im Dorf Maratoy Yrenda

Über zwei Autostunden und gut eine Fußstunde sind es, um in die Kaapor-Aldeia (Dorf) Maratoy zu kommen. Zuerst auf der BR 316, dann auf einer 30 km langen Sandstraße, vorbei an Rinderweiden und degradiertem Land, Lehmhäusern von Landarbeitern, Kuhhirten und einem Jäger, der mit einer großen Schildkröte die Straße entlang ging bis zum letzten Dorf weit draußen....fast am Ende der Welt. Doch das täuscht. Weiter ging es mit dem Auto noch einige Kilometer bis es dann wirklich nicht mehr ging. Also blieb das Auto stehen und wir gingen zu Fuß weiter. Es waren noch rund 6 km bis zur Aldeia. Doch plötzlich kam Itahu auf dem Motorrad, hielt kurz an und schon war einer der „Wandergruppe“ weg. Später kamen dann zwei junge Indigene mit Motos, wie sie sagen und holten die Anderen ab, so dass sich die Strapazen in Grenzen hielten.

Maratoy ist ein großes Dorf, in dem seit ungefähr einem Jahr 28 Familien wohnen. Es ist eines der Dörfer in der „Area de Protecao“, dem Schutzgebiet der Kaapor an der Reservatsgrenze. Immer wieder kamen auch hier Madereiros in ihr Gebiet. Jetzt scheint Ruhe zu sein und die Hoffnung ist, dass dies auch so bleiben möge. Inzwischen gibt es eine Schule im Dorf mit drei indigenen Lehrern. Ein wichtiger Lerninhalt ist das Erlernen der portugiesischen Sprache. Der ganz große Teil der Dorfbewohner spricht nur die eigene Kaapor-Sprache. Strom gibt es keinen im Dorf. Taschenlampen sind zu sehen und der Wunsch nach Solarlampen ist unüberhörbar. Wasser trinken die Kaapor aus dem nahe gelegenen Bach, der allerdings verschmutztes Wasser führt. Deshalb freuten wir uns sehr, als wir den Brunnenbauer getroffen haben. Er ist dabei, den Brunnen zu bohren und ist bereits bei fast 15 m angekommen. Er wird von Hand gebohrt und dann mit einer Solarpumpe versehen. Das beste Gesundheitsprogramm für das Dorf ist sauberes Grundwasser. Der Brunnen wurde ermöglicht durch die Kooperation von POEMA mit Medico-International. An dieser Stelle ein herzliches Danke dafür.

Was die Kaapor noch brauchen sind Lebensmittel....d. h. Reis, Bohnen, Mais usw. Dies deshalb, weil die Maniokwurzeln erst in einigen Monaten geerntet werden können. Dies ist ihre Basisernährung. Bestandteil der POEMA/Medico-Hilfe ist deshalb auch Alimentacao und Gasolina für den Transport. Dies fällt weg, wenn die Maniok-Ernte beginnt. Ansonsten gehen sie zur Jagd...im Reservat gibt es noch viele Tiere. Auf dem Weg haben wir Spuren der Onca, dem Jaguar gesehen. Bei der Versammlung bedankten sich die Kaapor bei POEMA für die Zusammenarbeit, für die Ermöglichung des Bildungsprogramms, für die Trinkwasserbrunnen und für die Hilfe bei der Beschützung ihres Landes. „Wir waren doch die ersten Bewohner Brasiliens“, sagte Itahu am Schluss. Es ist doch klar, dass wir unser Land verteidigen gegen die Bolsonaros und Holzdiebe.

19. November, St Luzia do Parua

Bei den Kaapor in Maranhao

Gestern früh sind wir in Belem aufgebrochen in Richtung Maranhao. Die Grenze zwischen Para und Maranhao ist am Rio Gurupi, den wir gegen 14:30 erreichten. Direkt davor kamen wir noch in eine Polizeikontrolle, bei der sich der Polizist als glühender Bolsonaro-Anhänger outete. Wir konnte trotzdem unbeschadet weiterfahren und kamen erst bei Dunkelheit in St Luzia an. Heute Morgen trafen wir dan Itahu, einen der Vertreter des Conselhos dos Kaapor. Nach einigen Einkäufen ging es dann vielleicht 20 Kilometer hinter St Luzia ab auf eine Sandpiste. Nach nocheinmal 20 Kilometern ging es mit dem Auto nicht mehr weiter. So mussten wir den letzten Kilometer zu Fuß bewältigen.

Dann waren wir im Gebiet der Kaapor und im neu gegründeten Dorf Parua Irenda. Parua heißt eine Zedernart hier. Eine einzige wurde von den Holzräubern stehen gelassen. Das Dorf gibt es erst seit 2 Monaten. Es wurde gegründet, weil hier eine Piste von den Madereiros (Holzräubern) zum Abtransport der geraubten Bäume angelegt worden ist. Im Moment wohnen hier 4 Familien, es sollen aber noch mehr werden. Sie überwachen die Reservatsgrenze und seit sie hier sind gab es keine Übergriffe durch die Madereiros mehr. Zwei der Familien kommen tiefer aus dem Reservat und hatten bislang wenig Kontakt zu Weissen. Sie sprechen kaum portugisisch. Immerhin steht auch schon das Gerüst für die Schule. Sie wünschen sich einen Brunnen, weil das Wasser aus dem nahen Bach leider nicht von guter Qualität ist. Sie sind alle freiwillig hier und werden von der Gemeinschaft des Conselhos mit Lebensmitteln versorgt. Sie haben zwar schon begonnen ein Feld vorzubereiten, das mit beginn der Regenzeit bepflanzt werden soll.

Aber es wird knapp zwei Jahre dauer, bis sie sich selbst versorgen können. Durch die Unterstützung von Medico International können wir den Brunnenbau zusagen. Nachmittags setzt ein leichter Regen ein und wir erreichen unseren Wagen gerade noch bevor ein erneuter heftigerer Regenguss den Staub und die Hitze etwas ablöschen. Morgen und übermorgen werden wir zwei weitere Dörfer besuchen. Itahu antwortet auf die Frage, was für sie gerade die wichtigste Unterstützung sei: Wir brauchen vor allem Ausbildung und Unterricht um in der Auseinandersetzung mit der Welt der Weissen, der MAdereiros bestehen zu können.

17. November, Belem

Konferenz der Xingu-Gruppen und Rückkehr mit Hindernissen

Am Samstag-Vormittag besuchten wir die Eröffnung der Konferenz der verschiedenen Gruppen, die an der großen Schleife des Xingu-Flusses liegen. Eingeladen hatte die Bewegung „Xingu vivo para sempre“ - Der Xingu soll leben für immer. Viele Gruppen kamen in die Räume der Aussenstelle der Bundesuniversität von Para in Altamira. Fischer, Goldsucher, Flussbewohner, Kleinbauern und Vertreter von indigenen Gruppen der Region. Es ging und geht um ihr Leben und Überleben in ihrer von Geldhaien bedrohten Heimat. Die einen leiden unter den Folgen des Megakraftwerkes Belo Monte, andere sind in Sorge, dass der kanadische Bergbaukonzern Belo Sun ihr Umfeld zerstört und den Fluss vergiftet und wieder andere sehen sich von Holzdieben konfrontiert, die illegal Holz schlagen. Und immer wieder kommt es zu Gewalttaten und massiven Drohungen.

Die Region ist etwa so groß wie die Bundesrepublik Deutschland...und über 1000 kleinere und größere Nebenflüsse speisen den Rio Xingu. Es geht um nichts anderes als um die Bewahrung dieses so wunderbaren Stückchen Erde, das schon geschunden genug ist. Jetzt soll endlich Schluss sein mit Zerstörung und Ausbeutung der Natur. Wir wünschten ihnen viel Erfolg, Kraft und Ausdauer bei diesem für uns allen so wichtigen Kampf. Unser Rückflug von Altamira nach Belem war geprägt von sehr schlechtem Wetter mit Starkregen und viel Wind in Belem. Dies hatte zur Folge, dass unser Flugzeug kurz vor der Landung durchstartete und wir über Belem kreisten und einen neuen Landeversuch machten. Auch dieser scheiterte und so flogen die Piloten nach Maraba, einer Stadt rund 500 km von Belem entfernt. Dort übernachteten wir und flogen dann am Sonntag problemlos zurück. Es war eine neue Erfahrung für uns und wieder einmal waren wir froh und dankbar, gut angekommen zu sein.

16. November, Altamira

Am Rio Xingu:

Paratizao und Ressaca

Manchmal überlegt man sich, ob man es schreiben soll - oder nicht. Wir haben uns entschlossen, es zu berichten, weil es die Realität in Brasilien ist. Jährlich werden 60 000 Menschen in dem Land umgebracht. Bei unserem Besuch in der Schule von Paratizao, einem Ort am Stausee von Belo Monte gelegen, sprachen wir über die Probleme in der Schule und der Gemeinde. Beim der Beantwortung der Frage, kamen der Lehrerin Roseli die Tränen. Erst vor kurzer Zeit wurde ihr 19 jähriger Sohn in Altamira ermordet. Er mischte sich in einen Streit ein und dann trafen ihn die tödlichen Schüsse. Wir waren tief betroffen und plötzlich waren wir ganz nah an der fürchterlichen Realität im Land. Was konnten wir auch anderes tun, als Roseli in die Arme zu nehmen und ihr unser Betroffenheit zu zeigen In Paratizao wohnen 40 Familien, die alle auf den Inseln im Rio Xingu gelebt haben und vertrieben wurden, weil der Stausee alle diese Inseln überschwemmt hat und ein Leben auf ihnen nicht mehr möglich war. Die Menschen wurden umgesiedelt und die Bäume sind abgestorben. Das ist der Preis des Fortschritts, sagen die Manager von Elektronorte, der Betreiberfirma des Kraftwerkes. Jetzt wohnen die Familien in Paratizao – und es werden immer mehr. Fast 40 Kinder kommen in die kleine Schule, die mäßig ausgestattet ist, der Strom kommt von einem Motor und das Trinkwasser in Behältern von der Stadt. Jetzt werden auf Grund der hohen Kinderzahl aus einem Raum drei gemacht, durch ein Tuch getrennt.

Deshalb haben wir jetzt Nägel mit Köpfen gemacht. Schon in den nächsten Wochen wird die Firma aus Altamira mit dem Aufbau einer Photovoltaikanlage beginnen, für das Licht in der Schule, einem Gefrierschrank für die Schulspeisung, den Ventilatoren und für den Brunnen, der neu gebohrt und mit einer Solarpumpe ausgestattet wird. Damit wird sich die Situation am Ort wesentlich verbessern und die Kinder werden gesünder aufwachsen können. Die Lehrerin Roseli sagte uns am Schluss noch, dass sie sich riesig gefreut hat, als sie unser Boot anlegen und uns aussteigen sah. Diese Solidarität tat ihr sicher gut, in ihren schweren Zeiten. Wir sind dann weiter gefahren in den Ort Ressaca. Es ist ein Goldgräberdorf, das es seit rund 70 Jahren gibt. 320 Familien wohnen im Ort und rund 400 Kinder gehen in die Schule. Ein Arzt kommt nur ein mal im Monat und in der Regel fehlt es Medikamenten.

Reich werden die Garimpeiros nicht. Etwas mehr als ein Mindestlohn von 250 Euro im Monat ist nicht drin. Seit 10 Jahren ist die kanadische Bergbaufirma Belo Sun bemüht, in der Gegend von Ressaca die Voraussetzungen zu schaffen, großindustriell nach Gold zu graben. Durch Prozesse und die Unterstützung einiger NGOs wie auch Xingu vivo, konnte dies bis jetzt verhindert werden. Die Bewohner sind auch guten Mutes und passen genau auf, was passiert. Sie vermuten, dass die Taktik von Belo Sun ist, sie zu zermürben durch jahrelange Prozessiererei und alle möglichen Schikanen. Während Belo Sun zerstören will, wollen sie pflanzen und haben begonnen, Nutzpflanzen und Bäume zu pflanzen. Wir von POEMA werden verfolgen, wie die Entwicklung weiter geht und haben den Bewohnern unsere Unterstützung zugesagt. Vor allem die Rechtsanwalts- und Gerichtskosten bringen sie an ihre finanzielle Grenze. Der Rio Xingu hat durch Belo Monte unsäglich gelitten. Die Zerstörung muss endlich aufhören. Die Menschen in ihrer sie umgebenden Natur sind mehr wert, als alles Gold der Erde.

14. November, Altamira

In Altamira wollten wir Antonia Melo treffen. Sie ist die Sprecherin der Bewegung Xingu vivo, die jahrelang gegen das Megakraftwerk Belo Monte gekämpft hat. Schon gegen 9 Uhr waren wir im Büro von Xingu vivo. Antonia war schon da und dazu noch einige Frauen und der Chef der Firma, die die Solaranlage in der Schule in Paratizao baut. Schon bei unserem letzten Besuch hatten wir dies vereinbart. Es soll eine Anlage gebaut werden für das Licht in der Schule, einen Gefrierschrank, einen Mixer, einen Ventilator und die Solarpumpe des Brunnens. 12 PV-Paneele sind dafür notwendig und die Batterien. Im Ort sind 40 Familien. In der Region zusammen über 120. Und es werden immer mehr. Sie alle wohnten früher auf den vielen Inseln im Fluss Xingu. Es waren Fischerfamilien, die jetzt gezwungenermaßen Bauern wurden. Weniger Fische und viele von ihnen noch krank und dünn dazu sind das Ergebnis, wenn aus einem fließenden Fluss ein Stausee wird. Durch ihn mussten sie gehen und wurden weiter oben neu angesiedelt. An anderen Orten hat Norte Energia, der Kraftwerksbetreiber, als Entschädigung wenigstens das Material für Solaranlagen bezahlt.

Wenn immer mehr Leute in den Ort kommen, hat das auch Folgen für die Schule, die jetzt in 3 Klassenzimmer unterteilt wurde. Weitere Informationen wollen wir morgen erfahren, wenn wir vor Ort sind. Mit dem Boot soll es zum Goldgräberdorf Ressaca und dann nach Paratizao gehen. Während unseres Gesprächs kam eine Frau dazu, die auf einer Flussinsel weiter flussaufwärts lebt, wie alle Familien in der Gegend. In ihrer Region gibt es nur zwei kleine Schulen, in die die Kinder mit dem Boot kommen. Zum Teil müssen sie morgens um 5 Uhr losfahren, um pünktlich zur Schule zu kommen. Stromschnellen liegen zwischen der Schule und ihren Häusern. Auch gibt es in ihrem Gebiet nur einen Gesundheitsposten auf einer Insel. Viel zu wenig und viel zu weit weg für vielen Inselbewohner. Sie wollen jetzt mehr Druck auf die Stadt Altamira machen, dass endlich etwas passiert und ihre Probleme gesehen werden.

Gesprochen haben wir auch über die Situation im Zusammenhang mit der Bergbaufirma Belo Sun aus Kanada, die, ebenfalls an der Xingu-Schleife großflächig Gold abbauen will. Mit üblen Folgen für die Natur und die Fischer, die Flussbewohner, die Kleinbauern und die Indigenen, die in der Region leben. Wir wollen uns einen besseren Einblick in die Situation verschaffen und besuchen morgen den Ort Ressaca, in dem schon seit Generationen von Familien nach Gold gegraben wird. Sie alle fürchten um ihre Zukunft, wenn Belo Sun kommt. Widerstand regt sich natürlich aber es bleibt wohl fraglich, ob sie eine Chance haben gegen einen Bergbauriesen und eine Regierung Bolsonaro, die in diesen Konflikten nicht auf der Seite des Volkes steht, sondern auf der Anderen. Abschließend ging es noch um die Gefängnisrevolte vor zwei Monaten, bei der über 50 Gefangene umgekommen sind. Darunter sind viele Jugendliche im Alter von 18 bis 29 Jahren, die Kinder von Vertriebenen durch Belo Monte waren. Das Gefängnis war völlig überfüllt – hauptsächlich von Jungen und Schwarzen. Nur die wenigstens wurden verteidigt...von einem Verteidiger, der 300 Gefangene zu verteidigen hatte. Ein Drama, das abzusehen war. Doch die Politik schwieg und tat nichts. Statt den Jugendlichen Arbeit zu geben, steckten sie sie ins Gefängnis. Das neue Gefängnis wurde übrigens von Norte Energia, dem Belo-Monte Betreiber finanziert....als Ausgleich für das Umwelt- und Sozialdesaster, das sie angerichtet haben. Ein verteufelter Kreislauf von Korruption und Gewalt.

13. November, Altamira

Von Santarem verabschiedeten wir uns mit einem Treffen mit Padre Edilberto Senna, der hier in Santarem über viele Jahren ein Radio für die Lanbevölkerung geleitet hat und aktiv im Widerstand gegen die Staudammprojekte am Tapajos kämpft. Er hat uns über die aktuelle Situation informiert, die bekannterweise nicht rosig ist, es soll hier ein neuer größerer Hafen gebaut werden, und er hofft auf internationale Unterstützung gegen die Zerstörung Amazoniens. Zwölf Stunden Busfahrt lagen am Mittwoch vor uns. Von Santarem am Amazonas und Tapajos gelegen bis nach Altamira am Rio Xingu. Es sind alles riesige Flüsse. Der Tapajos ist an seinem Unterlauf so breit wie der Bodensee und dabei rund fünf mal länger. Der Xingu erreichte traurige Berühmtheit durch das Kraftwerk Belo Monte, das ihn vergewaltigt hat. Er fließt nicht mehr frei, weil sie bei Altamira einen Stausee aus ihm gemacht haben. Ein ökologisches Desaster – und ein Soziales dazu. Inzwischen ist Altamira eine der gefährlichsten Städte in Para. Erst vor einigen Monaten sind durch einen Gefangenenaufstand im Gefängnis der Stadt über 60 Menschen umgekommen.

Doch zurück zu unserer Busfahrt: Wir haben Santarem morgens um 8 Uhr verlassen und sind auf die berühmte BR 163 eingebogen. Berühmt deshalb, weil auf ihr riesige Sojamengen über fast 1000 km von Mato Grosso bis zur Soja-Verladestation von Cargill im Hafen von Santarem gebracht werden. Von dort aus geht das Soja weiter auf großen Schiffen nach Europa und China. Die BR 163 ist bis zum 200 km entfernten Ort Ruropolis, an der Transamazonica gelegen asphaltiert. Rechts der Straße liegt der Nationalpark Floresta National Tapajos, der ca. 120 km lang ist und bis zu 70 km breit. Üppiger Urwald über eine lange Strecke und auf der anderen Seite der Straße das genaue Gegenteil. Auf riesigen Feldern wir die Aussaat vorbereitet. Pro Jahr abwechselnd wird Soja und Mais ausgebracht und jeweils zwei mal geerntet. Alles Genverändert und mit Glyphosat belastet. Wir haben Berge von Wurzeln gesehen, die in Kürze abgeholt werden. Sauber machen, nennt man das in der Sprache der Großagrarier. In Ruropolis hielt der Bus am Busbahnhof. Dort haben wir zusammen mit den anderes Busleuten zu Mittag gegessen. Jede und jeder nimmt sich einen Teller, tut da drauf, was er gerne hätte, stellt alles zusammen auf eine Waage und eine Frau schreibt dann auf einen Zettel das Gewicht und was es kostet. Nach einer halben Stunde ging es weiter auf der Transamazonica. Diese Gegend ist hügeliger und deshalb für große Felder eher ungeeignet. Deshalb dominiert links und rechts der Straße die Weidewirtschaft. Kühe ohne Ende und oft degradiertes Land, auf dem nur noch Babacu-Palmen und Termitenhügel wachsen! Der Wahnsinn raubt einem manchmal fast den Atem. Aus Regenwald haben sie Rinderwald gemacht. Begonnen hat dies mit dem Bau der Transamazonica vor 60 Jahren. Tausenden von Indios hat dies das Leben gekostet. Sie waren schon damals dem Fortschritt im Wege....bzw. der Profitgier der Großgrundbesitzer.

Immer wieder stachen uns Rauchsäulen ins Auge. Jetzt vor der Regenzeit wird viel Buschland angezündet und Felder brandgerodet um neue Weideflächen zu bekommen. Wir dachten an die Nachrichten von vor einigen Monaten über die Brände am Amazonas...und jetzt sahen wir sie mit eigenen Augen und fuhren im Bus daran vorbei. Wann wird diese Zerstörung enden? Dabei geht das Leben der einfachen Leute weiter. Sie leiden auch unter dem Staub der Straße, die zum großen Teil nicht asphaltiert ist. Für sie ist die Straße ein Lebensnerv. Sie stehen an der Straße und warten bis der Bus kommt, halten ihn an und steigen ein, viele mit einem Kind dabei, vielleicht auf dem Weg ins Krankenhaus in der Stadt – oder einfach zurück in ihr Haus. Es ist der ganz normale Alltag an den Straßen Amazoniens. Fast auf die Minute genau kamen wir um 20 Uhr am Busbahnhof in Altamira an. Beeindruckend, wie super diese Buslinien organisiert und wie freundlich die Fahrer sind. Die ärmeren Leute fahren mit dem Bus in Brasilien. Die Reichen fliegen. Manche sagen auch Mobilitäts-Klassengesellschaft dazu...und wir sind dankbar, dass alles gut ging.

12. November, Santarem

Am Montag sind wir mit einem schnellen Boot der Stadt Santarem in einer Stunde zur Insel Ituqui gefahren. Dabei waren der Landwirtschafts-Buergermeister von Santarem, der Verantwortliche fuer die Trinkwasseranlagen, der Brunnenbauer und Wolfgang, der die Projekte von POEMA koordiniert. Ziel waren die Orte Sao Jose, Consecao und Pixuna do Tapara. Das Besondere an den Inseln im Amazonas ist, dass sie ungefaehr 6 Monate wasserfrei und in den anderen 6 Monate mit Wasser bedeckt sind. Die Haeuser stehen deshalb alle auf Stelzen und in der Regenzeit, bewegen sich die Inselbewohner mit Booten zwischen den Haeusern, der Kirche und der Schule. Sie leben vom Anbau von Maniok, Kuerbissen, Melonen, einige von der Viehzucht, vor allem aber vom Fischfang. Im Ort Sao Jose, in der die Wasseranlage gut funktioniert war gerade eine grosse Versammlung der Bewohner der umliegenden Doerfer. Die Verantwortlichen der Landarbeiter-Gewerkschaft waren da, um die Fischer-Familien zu registrieren. Warum? Von 1. Oktober bis Ende Februar darf nur fuer den Eigenbedarf gefischt werden, nicht aber um die Fische zu verkaufen. Als Ausgleich dafuer bekommen die Familien monatlich einen Mindestlohn als Ausfallentschaedigung. Das sind rund 250 Euro.

Nachdem wir mit einigen Bewohnern gesprochen und diese bestaetigt haben, dass die Wasseranlage, nachdem einiges technisch verbessert wurde, gut funktioniert, fuhren wir weiter zum Ort Concesao, einige Kilometer weiter flussabwaerts. Dort leben 25 Familien. Das grosse Problem in diesem Ort ist, dass der Seitenkanal immer weniger Wasser fuehrt und die Kinder deshalb weit laufen muessen, um vom Hauptkanal, das Trinkwasser mit Eimern aus dem Fluss zu holen. Deshalb baten uns die Bewohner ganz dringend, ihnen zu helfen und auch an ihrem Ort einen Brunnen zu bohren um sauberes Trinkwasser zu haben. Wir haben mit dem Brunnenbauer nun vereinbart, dass er eine Kostenaufstellung macht und wir danach entscheiden, ob wir zumindest einen Teil der Kosten uebernehmen koennen. Problem ist, dass die Bohrung moeglichst schnell erfolgen muesste, weil im Februar das Wasser kommt und dann keine Bohrung mehr moeglich ist. Es wuerden dann wieder 6 Monate vergehen, um mit dem Projekt starten zu koennen. Der dritte Ort war Pixuna do Tapara, ein Ort mit 90 Familien mit rund 300 Kindern. In diesem Ort wurde mit Hilfe von POEMA und der Schmitz Stiftung eine grosse Wasseranlage, wie alle mit Solarenergie, gebaut. Die Menschen sind ganz gluecklich, dass sie jetzt sauberes Trinkwasser haben, nachdem sie bisher das Wasser aus dem Fluss notduerftig gefiltert und dann getrunken haben. Es war sehr beruehrend, wie sie ihre Freude ausdrueckten und sich immer wieder herzlich bedankten. Ihr Leben wird dadurch besser und die Kinder koennen gesuender aufwachsen. Sehr zufrieden fuhren wir zurueck nach Santarem. Wir waren fuer einige Stunden in einer anderen Welt. Die Menschen sind gluecklich, auf den Amazonas-Inseln zu leben, ihre Fruechte anzubauen, den Fischreichtum zu geniessen....und jetzt auch noch sauberes Trinkwasser zu haben.

10. November, Santarem

Am Samstag-Nachmittag sind wir in Santarem angekommen. Wolfgang hat uns am Flughafen abgeholt und uns ins Hotel gebracht. Abends sind wir noch zusammengesessen, bei Fisch und Bier und haben das Wiedersehen gefeiert. Heute morgen um 8 Uhr begann dann die erste Etappe unserer Reise. Vorbei an vorbereiteten Feldern fuer den Soja- und Maisanbau fuhren wir knapp zwei Stunden nach Igarape Acu, einem Dorf mit 90 Familien und einer Schule mit rund 160 SchuelerInnen. Die Bewohner leben vom Fischfang (ganz in der Naehe liegt ein grosser See), von Maniok und von Acai, der bekannten Palmfrucht, die dort viel angebaut wird und auch wild waechst. Sie verkaufen dann die Beeren in der Umgebung und in Santarem. Schon bei unserer letzten Reise in das Dorf haben sie lange mit uns gesprochen und ihren Wunsch geaeussert, die Acai-Beeren zu Saft weiterverarbeiten und damit einen hoeheren Preis erzielen zu koennen. Zum zweiten wollten sie auch mehrere und ertragreichere Sorten von Acai anbauen. Wir hatten zugesagt, mit der ersten Etappe beginnen zu koennen und so konnten wir jetzt die gezogenen Acai-Setzlinge sehen, die in grosser Zahl unter einem Sonnenschutzdach gedeihen und am Beginn der Regenzeit im Dezember und Januar gepflanzt werden. Jede Familie bekommt eine bestimmte Zahl von Pflanzen.

Bei der Versammlung, zu den rund 50 Bewohner gekommen sind, haben sie sich immer wieder bei POEMA bedankt, dass der Start des Projektes gelungen ist. In einem zweiten Schritt soll im naechsten Jahr ein kleines Gebaeude erstellt und dazu ein Brunnen gebohrt werden um genuegend sauberes Wasser zu haben. Wenn dann die notwendigen Geraete und kleinen Maschinen gekauft sind, kann die Produktion des Acai-Saftes beginnen. Unterstuetzt werden sie dabei von Mitarbeitern von Emater, einer staatlichen Einrichtung von Beratern fuer Kleinbauern. Zum Abschluss unseres Besuches haben die Bewohner uns zum Essen eingeladen....mit leckerem Fisch aus dem nahegelegenen See. Vorgefuehrt hat eine Frau auch noch, wie die Acai-Beeren geerntet werden. Ganz toll zu sehen, wie sie die Kletterschuhe aus Palmblaetter gebastelt hat und damit die 8 m hohe Palme hochgeklettert ist. Die erste Etappe unserer Reise hat uns den richtigen Schub gegeben um in Spannung und Ruhe den weiteren Etappen entgegenzusehen. Morgen geht es auf zwei Inseln im Amazonas, in denen wir solare Trinkwasseranlagen ermoeglicht haben. Wir werden weiter berichten.